Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 46


Heitere Dynamik

WW: Tokusan Emmyo wandte sich an die Versammlung mit den Worten: „Löscht jedes begriffliche Denken aus, und alle Buddhas in den drei Welten werden mit dem Mund an der Wand kleben. Doch einen gibt es, der schallend lachen wird. Wenn ihr diesen erkennt, habt ihr euer Studium abgeschlossen.“

Diop: Von diesen drei Welten haben Sie auch schon in dem Beispiel von Jizo gesprochen. Dabei handelt es sich, wenn ich mich recht erinnere, um die Welt der Begierde, die Welt der Form und die Welt der Nichtform.

WW: Ja. Die Frage ist: Wie können wir die drei Welten überwinden? Müssen wir sie überhaupt überwinden? Dogen Zenji sagt: „Buddha zu sein bedeutet, Buddhas Erleuchtung zu haben, die dynamische, lebendige Erleuchtung, die ursprüngliche Erleuchtung, die die drei Welten umfasst.“
Dogen betont, dass Erleuchtung die drei Welten, also Begierde, Form und Nicht-Form miteinschließt. Alle Welten und alle Erscheinungen sind nichts anderes als die eine umfassende Leerheit, die alle Welten enthält, sie übersteigt und grenzenlos ist. Im Zen geht es also nie darum, diese drei Welten auszulöschen, sondern nur darum, sie zu überschreiten.

Diop: Was meinen Sie mit dem Überschreiten der drei Welten?

WW: Huang-po sagt uns: „Überschreiten der drei Welten bedeutet Überwinden des Dualismus von Gut und Böse. Buddhas erscheinen in der Welt, um der Begierde, der Form und den formlosen Erscheinungen ein Ende zu bereiten. Auch für dich werden die drei Welten vergehen, wenn du den Zustand jenseits des Denkens erreichen kannst. Wenn du andererseits noch an dem Begriff festhältst, dass irgend etwas, sei es auch nur so klein wie der hundertste Teil eines Staubkornes, objektiv existieren könne, dann wird selbst eine vollkommene Beherrschung des gesamten Mahayana-Kanons dir nicht den Sieg über die drei Welten ermöglichen.“
Und Bodhidharma sagt: „Schaffst du es, deinen Geist zu konzentrieren und alles Falsche und Täuschende zu überwinden, dann verschwinden die drei Welten und die sechs Formen der Existenz automatisch. Dann, frei von Leiden, bist du wirklich frei.“

Diop: Huang-po und Bodhidharma wollen klarmachen, dass diese drei Welten nichts anderes als Geist sind?

WW: a. In diese Erfahrung müssen wir vorstoßen, aber nicht durch Denken als abstrakte Vorstellung, sondern als tägliches Leben gelebt. In der Koan-Sammlung „Die eiserne Flöte“ heißt es im sechsundneunzigsten Beispiel: Ein Mönch fragte Ganto: „Wenn die drei Welten mich bedrohen, was soll ich tun?“ Ganto antwortete: „Setze dich nieder.“ „Ich verstehe nicht“, erwiderte der Mönch. Ganto sagte: „Hebe den anderen Berg auf und bringe ihn mir, dann werde ich es dir sagen.“
Erst, wenn jedes begriffliche Denken ausgelöscht ist, lassen wir uns nicht mehr hinters Licht führen und wir hören auf zu suchen. Suchen ist immer verbunden mit gedanklichen Aktivitäten. Solange wir über Dinge nachdenken, solange wir versuchen, irgendetwas zu überwinden, sind wir in Worten und Begriffen gefangen. Zen ist ein Weg, der uns darüber hinausführt.

Diop: Je mehr Koans ich von Ihnen höre, umso klarer wird mir, wie direkt und unmittelbar dieses Zen ist. Ich kann es zwar nicht richtig in Worte fassen, aber irgendwie ist dies deutlich zu spüren.

WW: Das kommt daher, weil jedes Koan direkt mit uns zu tun hat. Zen spricht in jedem Koan das an, was wir wirklich sind, nicht das, was wir uns einbilden zu sein. Der Berg, von dem hier die Rede ist, das sind wir. Aber das lässt sich intellektuell nicht begreifen. Trotzdem ist da in uns eine Ahnung und eine tiefe Sehnsucht.

Diop: Und etwas, das in mir zum Klingen kommt, aber schlecht in Worte zu fassen ist.

WW: Das ist der Bereich der Leerheit. Diese ursprüngliche Leerheit, die wir in Wirklichkeit sind, liegt immer vor unseren Augen. Sie manifestiert sich in den verschiedenen Welten. Sind wir jedoch in unseren Täuschungen gefangen, erleben wir sie als eine Welt der Begierde, d.h. als Welt des Habenwollens, als eine Welt der Form, d.h., als Welt der Dinge, die uns umgeben, und als eine Welt der Nichtform, d.h., als geistige Welt.

Diop: Wir haben uns angewöhnt zu differenzieren, zu definieren, zu abstrahieren. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum wir im begrifflichen Denken gefesselt sind.

WW: Das ist richtig. Aber wir brauchen nicht nach der Wahrheit zu suchen. Es genügt, aufzuhören mit dem Überlegen und Kategorisieren. Dann können wir die Welt so empfangen wie sie ist, direkt und unmittelbar. Ursprünglich gibt es nichts, was uns trennt. Wenn wir jedoch die Welt definieren, geht unser natürlicher Zustand verloren. Alle Welten durchdringen sich gegenseitig und sind letztendlich eins, sind weder gut noch böse, weder rein noch unrein. Zen-Meister Matsu hat einmal gesagt: „Außer dem Geist gibt es keinen Buddha mehr, außer dem Buddha keinen Geist.“ Er will damit sagen: Außer dem Geist gibt es nichts Absolutes, außer dem Absoluten keinen Geist. Beide sind letztendlich eins. Und er fährt fort: „Ergreife nichts Gutes, verwirf nichts Böses! Wenn du dich auf keines von beiden, weder auf Reinheit noch auf Beflecktheit stürzt, begreifst du die Leere der Natur der Sünde. In jedem Augenblick ist sie unfassbar, weil sie keine Eigennatur hat. Deshalb sind die drei Welten nur Geist. Das Weltall und alle Dinge tragen das Siegel des Einen Dharma.“ Das gleiche meint auch Vimalakirti, wenn er sagt: „Den Leib in den drei Welten nicht offenbaren, das ist Meditation.“

Diop: Das bedeutet, in der Welt zu sein, sich jedoch nicht davon fesseln zu lassen, und die Dinge zu tun, die getan werden müssen, ohne an ihnen zu hängen, also keinen Unterschied zwischen innen und außen zu machen.

WW: Ja. Bodhidharma sagt: „Begierde gehört zur Welt der Wünsche, Hass und Ärger gehören zur Welt der Formen, Täuschung gehört zur formlosen Welt. Sobald ein Gedanke entsteht, tritt man in diese drei Welten ein. Sobald die Gedanken verschwinden, verlässt man diese drei Welten. Der Anfang und das Ende der drei Welten, die Existenz oder Nichtexistenz eines jeden Dinges ist an unseren Geist gebunden. Das gilt für alles, sogar für so leblose Dinge wie Steine und Holzstöcke. Jeder, der weiß, dass die Geistesinhalte unsere Einbildung sind und bar jeglicher wirklichen Existenz, weiß auch, dass sein eigener Geist weder existiert noch nicht existiert. Die gewöhnlichen Menschen fahren fort, Geistesinhalte zu erzeugen, und behaupten deshalb, der Geist existiere. Und die Arhats fahren fort, die Aktivitäten des Geistes zu negieren und behaupten, der Geist existiere nicht. Doch Bodhisattvas und Buddhas bejahen weder den Geist noch verneinen sie ihn. Das ist unter ‚Geist, der weder existiert noch nicht existiert’ zu verstehen. Benutzt man das rationale Denken, um die Wirklichkeit zu erforschen, wird man weder den eigenen Geist noch die Wirklichkeit verstehen. Studiert man die Wirklichkeit ohne die Beschränkung auf das rationale Denken, wird man beide verstehen.“

Diop: Bodhidharma meint, dass sowohl die Geistesinhalte Einbildung sind, wie auch der Geist, der sie produziert? Aber haben Sie nicht von Ihrem Lehrer erzählt, der gesagt hat, dass wir Menschen eigentlich Geist-Wesen wären? Widerspricht sich das nicht?

WW: Nein, ganz und gar nicht. Das Problem dabei ist, dass wir uns immer wieder an Worten festmachen. Jede Aussage kann in dem einen Fall richtig sein und im anderen Fall vollkommen falsch. Es kommt auf den Kontext an, in dem diese Aussage steht. Im einen Fall ist es richtig, im anderen Fall falsch. Das haben Sie auch schon in anderen Koans erlebt. Es ist einfach so, dass in diesem Absoluten Worte einfach zerrinnen und beginnen, sich aufzulösen. Das ist auch der Grund dafür, warum es so schwierig ist, darüber zu sprechen. Jedes Wort ist richtig und gleichzeitig falsch. Darüber müssen wir uns im Klaren sein. Was uns weiterhilft, ist unsere Intuition, um das zu begreifen, was hinter diesen Worten liegt. Sage ich „Geist existiert“, ist das falsch, sage ich „Geist existiert nicht“, ist das auch falsch.

Diop: Aber wie soll ich dann wissen, was richtig ist?

WW: Das muss jeder für sich selbst herausfinden. Schauen Sie. Jeder Mensch steht auf einer bestimmten Stufe, d.h,. er ist geprägt von vielen Umständen wie zum Beispiel Schule, Elternhaus, Freunde, Beruf, Krankheiten usw. All diese Menschen vertreten bestimmte Meinungen, die in ihrem ganz persönlichen Fall vollkommen richtig sind. Ich kann beispielsweise meine Kinder nicht besser erziehen, als ich im Augenblick dazu in der Lage bin. Wenn ein Mensch selbst in jungen Jahren von seinen Eltern nie Liebe bekommen hat, wie soll er dann Liebe an seine Kinder weitergeben können? Trotzdem wird er versuchen, seine Kinder so gut wie möglich zu erziehen. Aber das ist nur innerhalb der Grenzen möglich, die ihm zur Verfügung stehen. Im Zen geht es darum, diese Grenzen zu sprengen und das Ich zu transformieren.

Diop: Es geht also im Zen nur um dieses Ich?

WW: In bestimmter Weise ja. Es geht um uns. Was hilft uns das schönste Auto, wenn wir zu Fuß gehen? Was helfen uns die besten Bücher, wenn ich sie nicht lesen kann? Was helfen uns Religionen, wenn sie am Menschen vorbeigehen? Was hilft uns das schönste Leben, wenn ich es nicht sehe?

Diop: Aber dann geht letztendlich doch darum, diesen drei Welten zu entrinnen?

WW: Wir können diesen drei Welten niemals entrinnen, wir können sie nur transzendieren.

Diop: Was meinen sie damit?

WW: Ich meine, wir leben zwar in diesen drei Welten von Begierde, Form und Nichtform, aber wir können sie übersteigen.

Diop: Was meinen Sie mit dem Wort „übersteigen“?

WW: Übersteigen meint: Ich lebe zwar in dieser Welt, aber ich bin nicht abhängig von dieser Welt. Übersteigen meint akzeptieren und annehmen und doch jenseits davon zu sein.
Von Zen-Meister Tenryu ist uns folgendes Mondo überliefert: Ein Mönch fragte: „Wie kann ich den drei Welten entrinnen?“ Meister Tenryu antwortete: „Wo bist du in diesem Augenblick?“ Sie sehen, Meister Tenryu gibt keine philosophische Antwort, sondern zeigt direkt auf den Mönch, der vor ihm steht. Er hätte auch wie Tokusan antworten können: „Es gibt einen, der schallend lachen wird. Wenn ihr diesen erkennt, habt ihr euer Studium abgeschlossen.“ Es geht nur darum, dass wir unser intuitives Auge öffnen, um die uns innewohnende Weisheit zu erfassen.

Diop: Die drei Welten existieren also, wenn ich es richtig verstehe, nicht aus sich selbst heraus?

WW: Das ist richtig. Sie sind nur in der Psyche des Menschen wirksam. Jeder, der dies tief in sich erfährt, wird erkennen, dass das Wesen der drei Welten zugleich das Wesen des Absoluten ist. In den Sutras kann man lesen: „Buddhas sind nur Buddhas geworden, weil sie mit den drei Giften lebten.“ Zusammen bilden die drei Welten die scheinbaren Grenzen unserer menschlichen Existenz. Sie werden im dritten Kapitel im Lotos-Sutra mit einem brennenden Haus verglichen. Darauf nimmt Dogen Bezug, wenn er sagt: „Der Aufenthalt in den drei Welten gleicht dem Aufenthalt in einem brennenden Haus. Wir Menschen dieser Welt sind verblendet. Wir haben immer irgendein Verlangen oder Begehren. Aber die Weisen wachen auf. Sie ziehen die Einsicht der Gewohnheit vor. Sie richten ihren Geist auf das Erhabene und überlassen ihren Körper den Jahreszeiten. Alle Erscheinungsformen sind leer. Sie enthalten nichts Wünschenswertes. Unglück und Wohlstand wechseln einander ewig ab. Wer nichts begehrt, ist auf dem Weg.“
Unser Leben gleicht einem Faden mit einer bestimmten Länge. Jeder Augenblick ist eine Perle auf diesem Lebensfaden. Je mehr bewusste Augenblicke wir einsammeln, desto wertvoller wird die Perlenkette unseres Lebens. Dazu ist es notwendig, sich jeder Meinung zu enthalten. Dies kann leicht missverstanden werden, denn wenn wir schweigen, verfehlen wir ES auch. Ob wir den Mund öffnen oder geschlossen halten, wir werden ES nie erreichen. Wenn auch nur die winzigste Spur eines Konzeptes von “richtig” oder “falsch” in unserem Bewusstsein auftaucht, sind wir Lichtjahre entfernt von unserer wahren Natur. Wir müssen beide Aspekte in uns verwirklichen: Illusion und Erleuchtung, Wind und Wolken, richtig und falsch. Die Natur des Windes ändert sich niemals, egal, aus welcher Richtung er bläst. Der Wind, der durch sich selbst wirkt, existiert als reines Da-Sein jenseits aller Kategorien. Alles wird durch ihn beinflusst, unablässig wirkt er und verwirklicht sich in allen Dingen, losgelöst und jede Vorstellung übersteigend. Und doch ist er nicht zu sehen.

Diop: Kann ich mich von diesem Wind tragen lasen?

WW: Ja, und alle Buddhas und Patriarchen werden Sie in wunderbarer Weise dabei unterstützen. Das ganze Universum wird Ihnen dabei behilflich sein, Ihren Weg zu finden. Es geht nur darum, sich nicht dagegen zu stellen, sondern mitzuschwingen und im Einklang zu sein. Wir sitzen, gehen, essen und schlafen. Darin offenbart ES sich. Mehr kann dazu nicht gesagt werden. Haben wir diese Dynamik verwirklicht, ist unser Studium abgeschlossen und wir können nur noch lachen. Die Form wird an der Leere kleben und das Universum wird sprachlos sein. Dann gibt es nichts mehr zu tun.

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