Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 36


Leerer Augenblick

Diop: Was ist, wenn diese Form alt wird oder krank?

WW: Darauf gibt uns das folgende Koan eine Antwort. Großmeister Ba war schwer krank. Gemeint ist Meister Baso Doitsu, der im achten Jahrhundert gelebt hat. Der Hauptmönch des Tempels fragte ihn: „Wie ist es Euch, Meister, in letzter Zeit ergangen?“ Der Großmeister sagte: „Buddha Sonnengesicht, Buddha Mondgesicht.“

Diop: Was meint der Meister damit?

WW: Beides sind Namen für Buddha. Der Buddha mit Sonnengesicht ist ein Buddha, der ein Leben von eintausendachthundert Jahren gelebt haben soll, während der Buddha mit dem Mondgesicht lediglich vierundzwanzig Stunden gelebt hat.

Diop: Die beiden Buddhas sind also Synonyme für ein sehr langes und ein sehr kurzes Leben?

WW: Ja. Das Absolute kennt kein lang und kurz, kein jung und kein alt. Alles hat seine Zeit, die weder kurz noch lang ist. Wir dürfen uns also Zeit lassen, denn wir haben nichts zu verlieren. Wir haben bereits alles gewonnen. Jede Erfahrung ist in uns gespeichert und geht nicht mehr verloren. Auch der Tod kann das nicht zerstören. Alles ist in unserem tiefsten Grund eingeprägt und wirkt weiter in der nächsten Existenz. Wichtig allein ist unser Sitzen und die damit verbundenen Erfahrungen. Augenblick für Augenblick verwirklicht sich unsere wahre Natur. In dieser Natur ist alles leer und substanzlos, die Form wie die Krankheit. Die Sonne scheint am Tag und zeigt uns die phänomenale Welt. Der Mond scheint in der Nacht und zeigt uns die Wesenswelt, in der nichts erkennbar ist. Beide Ebenen müssen verwirklicht werden. Diese Verwirklichung erfahren wir in der Dynamik, die sich auch in der Krankheit offenbart. Der eine lebt eben sehr lange, während ein anderer nur ein sehr kurzes Leben hat.

Diop: Aber ist das nicht ungerecht?

WW: Auf den ersten Blick mag das vielleicht so aussehen. Schauen Sie. Wir treffen in unserem Leben auf viele Umstände. Da sind Kriege, Unfälle und Krankheiten. Alles Sein kann den Tod nicht vermeiden. Dieser Tatsache müssen wir ins Auge blicken. Nehmen wir als Beispiel das Alter. Altern ist ein natürliches Reifen und hat etwas sehr Schönes an sich.

Diop: Aber ist Altern nicht auch ein Abnehmen von Kraft? Schauen Sie sich doch im Krankenhaus um. Da wird das Leben in Schläuchen in den Körper geführt, da sind Infusionen und künstlicher Atem. Das ist doch nur noch ein kleines Stück Ausharren, Verzögerung und Hoffnung, bevor es zu Ende geht, kein Reifungsprozess und keine Schönheit des Lebens mehr.

WW: Sie haben vollkommen Recht. Unsere Gesellschaft trotzt dem Tod mit ungeheuerem Aufwand. Warum, so frage ich Sie, können wir uns dem Sterben nicht öffnen? Weil wir Sterben als Ende betrachten, als absolutes Ende des Lebens. Die Frage nach dem Ende, die Frage nach dem Sterben ist im Grunde genommen nichts anderes als die Frage nach unserem wahren Wesen. Wer den Tod nicht akzeptiert, akzeptiert auch nicht das Leben. Beides gehört zusammen. Wir sollten den Punkt finden, wo Leben und Tod sich kreuzen. Wo ist dieser Kreuzungspunkt jetzt in diesem Augenblick?

Diop: Ich weiß es nicht.

WW: Das ist genau der Punkt. Der Anfang ist im Ende enthalten und das Ende im Anfang. Wo also sollten wir anfangen zu suchen, wenn nicht in diesem einfachen und unkomplizierten Hier und Jetzt? Das ist der Kreuzungspunkt: Dieser Augenblick, dieses Sein, dieses Letzte, was soeben beginnt, dieses absolut Einmalige. Wir aber stehen auf einer Bühne im Theater und fragen uns, was geschieht, wenn wir von dieser Bühne abtreten. Geht es ohne mich auch weiter? Was wird aus meinen Kindern, aus meinem Partner? Wir neigen dazu, uns ungeheuer wichtig zu nehmen.

Diop: Und doch gibt es keine Möglichkeit, dem Tod zu entrinnen.

WW: Es gibt in den Gemischten Koans ein Beispiel: Wer die eigene Natur erfasst hat, entrinnt Leben und Tod. Wie entrinnst du Leben und Tod, in dem Augenblick, in dem du stirbst?

Diop: Gibt es eine Antwort darauf?

WW: Ja.

Diop: Und wie lautet sie?

WW: Genau aus diesem Grund sitzen wir. Entscheidend für unser Leben ist, ob wir es zurückweisen oder annehmen.

Diop: Aber wie sollen wir leben und wie sollen wir sterben?

WW: Leben und Sterben sind nicht zwei getrennte Dinge, sie sind eins. Das erfährt jeder, der einige Jahre lang auf seinem Kissen sitzt. Jeder Atemzug lebt auf und erstirbt, jeder Gedanke, jedes Gefühl. Sind wir deswegen tot?
Ein Schüler sagte einmal zu seinem Lehrer: „Ich habe sehr große Angst vor dem Tod. Bei einer Operation bin ich einmal fast gestorben. Ich war schon dabei, wenn Menschen gestorben sind, und es war durchaus nicht nur freudiges Hinübertreten in irgendetwas Anderes, sondern meist mit viel Angst verbunden.“
Lehrer: „Das ist auch ganz natürlich. Das, was zu sterben glaubt, hat Angst. Dahinter steckt der Überlebenstrieb. Daran ist nichts verkehrt. Doch im Moment des Todes, wenn nichts mehr kämpft, ist alles nur noch Klarheit, da ist kein Kampf, keine Angst mehr, da ist einfach nur die Abwesenheit von Form und Idee, da ist einfach alles klar. Bis dahin gibt es alle Möglichkeiten von Kampf und Angst und Nicht-Wollen. Aber wenn das Letzte, Endgültige da ist, ist keiner mehr da, der kämpfen könnte. Da ist einfach nur noch die Leere. Doch in dieser Leere ist volles Sein. Da ist etwas, was in sich vollkommen klar und rein ist. Es ist dieses Gewahrsein, was dann da ist und scheinbar nur verdeckt ist. Das ist dann einfach nur entleert von Objekthaftigkeit, von Wünschen, Ideen, Vorstellungen.“
Schüler: „Aber ich bin dann tot!“
Lehrer: „Was lebt überhaupt? Kann Leben das sein, was sterblich ist, was dem Tod unterworfen ist? Ist denn Form an sich Leben? Oder ist Form nur ein Ausdruck des Lebens, eine Reflexion von Leben?“
Schüler: „Das frage ich dich!“
Lehrer: „Das, was sterben kann, ist schon längst vorher tot. Es hat nie gelebt und kann deshalb auch nicht sterben. Es gibt im Moment des Todes nichts, was sterben könnte. Das, was du bist, ist reines Sein. Es ist jetzt und hier das Einzige, was ist, und im Moment des Todes das Einzige, was ist.“
Es geht nur darum, alles, was wir tun, ganz zu tun, ganz essen, ganz arbeiten, ganz lachen und jeden Tag ganz zu erleben. Dann werden wir aus unserem schattenlosen Dasein heraustreten und das Licht erfahren, die Freude, das wahre Leben, das über den Tod hinausgeht. Die wahre Wirklichkeit liegt immer offen vor uns, ob wir lange oder kurz leben. Zeit ist nur eine Erfindung des Menschen. In Wirklichkeit existiert sie nicht. Wir sollten einen großen Mut zur Verwandlung entwickeln und heraussterben aus diesem konstruierten Gefängnis, das uns Raum und Zeit vorgaukelt. Wir sollten unser wahres Wesen offen legen, Augenblick für Augenblick.

Diop: Was meinen Sie mit diesem Offenlegen?

WW: Ich meine, wir sollten nicht unsere eigenen Totengräber werden. Wo kein Leben ist, ist kein Tod und wo kein Tod ist, kann auch kein Leben sein. Jeder muss das für sich realisieren. Wir müssen das Alte wegwerfen, sonst können wir nichts Neues bekommen. Nur dann werden wir durchstoßen in diese neue Wirklichkeit, in diese neue Natürlichkeit.

Diop: Wie gehen Zen-Meister mit dem Sterben um?

WW: Ein Zen-Meister sagte vor seinem nahen Tod: „Ich möchte nicht sterben, ich möchte nicht sterben.“ Ein alter Mönch hörte das zufällig und sagte: „Bitte, Meister, es ist nicht gut, so etwas zu sagen, Sie sind doch ein bekannter Zen-Meister!“ Der Meister sagte: „Natürlich, ganz natürlich“ und starb. Im Rinzai Roku steht eine andere Geschichte: Meister Fuke geht auf den Straßen umher und bittet die Leute um ein einteiliges Gewand. Alle bieten ihm ein solches an, aber Fuke nimmt es nicht an. Rinzai lässt einen Sarg kaufen. Als Fuke zu Rinzai kommt, sagt dieser: „Ich habe dir ein einteiliges Gewand herrichten lassen.“ Sofort nimmt Fuke den Sarg, geht durch die Straßen und ruft: „Rinzai hat mir ein einteiliges Gewand herrichten lassen. Ich gehe zum Osttor und sterbe.“ Die Leute drängeln hinter ihm her. Fuke sagt dort: „Heute nicht. Morgen gehe ich zum Südtor und sterbe.“ Nachdem Fuke das so drei Tage gemacht hat, glauben sie ihm nicht mehr. Am vierten Tag folgt niemand. Er geht allein zur Stadt hinaus, legt sich in den Sarg und bittet einen Mann, der zufällig vorbeikommt, den Sarg zuzunageln.

Diop: Zwei ganz unterschiedliche Geschichten.

WW: Ja. Auch Sterben will gelernt sein, wie Sie sehen. Es ist einfach dies, nur dies. Es ist ganz einfach. Wir sollten den Tod nicht negieren und verdrängen, ihn aber auch nicht so wichtig nehmen, denn das, was wir wirklich sind, kann nicht sterben.

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