Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 29


Entscheidung

WW: Als Fuketsu sich im Amtsgebäude der Provinz Ei aufhielt, begab er sich in die Halle, um zu predigen und sagte: „Das Geistessiegel des Patriarchen Bodhidharma ähnelt der Wirkkraft des Eisernen Stiers.

Diop: Darf ich kurz dazwischen fragen?

WW: Natürlich.

Diop: Wer war Meister Fuketsu?

WW: Fuketsu lebte in der Übergangsphase der auslaufenden Tang- und beginnenden Sung-Dynastie, also im zehnten Jahrhundert und wurde fast achtzig Jahre alt.

Diop: Was meint Fuketsu, wenn er vom Geistsiegel spricht?

WW: Das Geistessiegel meint einerseits die Gestalt des Geistes, also der Leerheit und andererseits die Erleuchtungserfahrung. Über Bodhidharma, den ersten Zen-Patriarchen in China, habe ich ja bereits am Anfang gesprochen.

Diop: Der Kaiser konnte Bodhidharma nicht verstehen. Es war dieses berühmte „weit und leer, keine Spur von Heiligkeit“.

WW: Ja. Der Eiserne Stier, der in diesem Koan angesprochen wird, diente als Schutz für den Gelben Fluss. Er war eigentlich ein massives Gebilde aus Eisen, das auf dem Boden des Gelben Flusses lag. Es hielt dem wuchtigen Wasser stand und schützte das Land vor Überschwemmungen.

Diop: Was aber will Fuketsu mit der Aussage, dass das Geistessiegel des Patriarchen Bodhidharma der Wirkkraft des Eisernen Stiers ähnelt, andeuten?

WW: Er will damit ausdrücken, dass, obwohl der Geist bewegungslos ist wie der Eiserne Stier, seine Wirkungen doch an das Wunderbare grenzen. Fuketsu sagt weiter: “Geht es weg, so bleibt ein Siegelabdruck; bleibt es, so wird der Siegelabdruck zunichte.“

Diop: Das verstehe ich nicht.

WW: Fuketsu meint hier die Leerheit. Geht sie weg, so bleibt die Form wie ein Siegelabdruck. Gemeint ist ein Mensch, der die Erleuchtungserfahrung gemacht hat, und den Gestank des Zen verloren hat. Er stinkt nicht mehr nach Erleuchtung und doch ist etwas in diesem Menschen, ein kaum wahrnehmbarer Abdruck. Er weiß zwar darum, aber für den anderen ist es nicht sichtbar. „Bleibt es, so wird der Siegelabdruck zunichte.“ Ist Leerheit da, wird die Form zunichte. Bleibt ein Mensch an der Erleuchtungserfahrung hängen, wird es zunichte. Das Hängen an der Erfahrung wird ihn auf Dauer gesehen vergiften, so wie die Nahrung uns vergiftet, wenn wir sie nicht wieder ausscheiden. Aber es gibt meiner Meinung nach noch einen anderen wesentlichen Aspekt.

Diop: Welchen Aspekt meinen Sie?

WW: Wenn die Wesenswelt nie erfahren wurde, zeigt sich diese Welt nur als eine Welt der Erscheinungen, als eine Welt der Phänomene. In diesem Beispiel ist das der Stempel. Offenbart sich jedoch die Wesenswelt, ist kein Stempel mehr da und alles ist leer. Der Stempel ist verschwunden. Was bleibt, ist der Abdruck, und selbst der hat keine Bedeutung mehr.

Diop: Sie meinen, es geht in diesem Beispiel um die Wesenswelt auf der einen Seite und um die phänomenale Welt auf der anderen Seite?

WW: Ja. So sehe ich es. Beide Welten müssen vereint werden. Darum geht es im Zen und auch bei Meister Fuketsu. Deswegen geht er in diesem Beispiel noch einen Schritt weiter, um das Verständnis seiner Mönche zu prüfen. Er sagt: „Wenn es nicht weggeht oder nicht bleibt, ist es richtig, das Siegel der Bestätigung zu erteilen oder nicht zu erteilen?“ Er meint, wenn die Wesenswelt nicht weggeht, wenn also Leerheit anwesend ist und auch die Erscheinungswelt nicht da ist, wenn also beides vollkommen vereint wurde, wie ist es dann? Kann ich dann das Siegel der Bestätigung erteilen oder nicht?

Diop: Und wusste ein Mönch eine Antwort?

WW: Ja. Der älteste Mönch Ro’hi trat vor und sagte: „Ich habe die Wirkkraft des Eisernen Stiers. Jedoch bitte ich Euch, Meister, dass ihr mir das Siegel nicht erteilt.“ Er meinte vielleicht: Ich habe die Dynamik des eisernen Stiers erfahren, ich habe beide Welten vereint, wozu ist da noch eine Bestätigung nötig.

Diop: Was antwortete Fuketsu?

WW: Fuketsu sagte: „Ich bin gewohnt, durch Walfischfang das große Meer zu stillen. Aber, o weh, nun finde ich einen Frosch, der sich im Schlamm wälzt.“ Er meint, ich bin es gewohnt, große Schüler zu erziehen und nun finde ich eine Kreatur, die sich nicht ihrer wahren Natur gemäß verhält.

Diop: Wie reagierte der alte Mönch darauf?

WW: Er wusste keine Antwort. Er stand einfach nur benommen da. Ro’hi stand sinnend da. Da schrie Fuketsu plötzlich: „Kaatz!“ und sagte: „Warum sagst du nichts weiter, Ältester?“ Ro’hi war verwirrt. Fuketsu schreit heraus, worum es geht. Vielleicht hätte der Mönch es eher begriffen, wenn er geschlagen worden wäre.

Diop: Die Verwirrung kann ich verstehen.

WW: Fuketsu schlug ihn mit dem Jakschweif und sagte: „Wenn du noch weißt, worum es geht, sage doch etwas; ich werde es prüfen.“ Ro’hi versuchte, etwas zu sagen. Fuketsu schlug ihn nochmals mit dem Jakschweif. Fuketsu strengt sich wirklich mit diesem Mönch an. Er zeigt ihm unmittelbar das Wirken der Leerheit durch die Form. Der Mönch jedoch begreift es immer noch nicht. Er will etwas sagen, aber im Reden liegt diese Wahrheit nicht. Aus diesem Grund bekommt der die ganze Dynamik nochmals zu spüren.

Diop: Ist das nicht gemein?

WW: Nicht, ganz und gar nicht. Er kennt ja diesen Mönch und er weiß, welche Erfahrungen er schon gemacht hat. Warum, so meint Fuketsu, greift er nicht auf diesen Schatz zurück? Warum will er es nur in Worten ausdrücken, wo es doch letztendlich nie um Worte geht? Deswegen schlägt er ihn. Er will ihm ins Gedächtnis zurückrufen, das ist es, dieses Schlagen, dieses Spüren. Doch das Koan ist hier noch nicht zu Ende. Der Magistrat sagte dazu: „Das Buddha-Gesetz und das Königsgesetz sind von gleicher Art.“ Fuketsu sagte: „Was für ein Prinzip seht ihr darin?“ Der Magistrat sagte: „Wenn man nicht entscheidet, wo es zu entscheiden gilt, bringt man die Sache in Verwirrung.“ Fuketsu stieg von seinem Podest herunter.

Diop: Was meinte der Magistrat damit? Kritisiert er Fuketsu?

WW: Das Buddha-Gesetz, also der Dharma, die höchste Wahrheit und das Königsgesetz, gemeint ist das alltägliche Gesetz, sind von gleicher Art. Da ist kein Unterschied. Man muss sich entscheiden, man muss handeln, sonst gerät man in Verwirrung. Es geht nicht darum, einfach alles nur laufen zu lassen. Das wäre Fatalismus. Es ist wichtig, hin und wieder auch Entscheidungen zu treffen und zu handeln, wenn es nötig ist.

Diop: Aber widerspricht das nicht dem Wesen des Zen?

WW: Wenn wir lange genug sitzen, werden wir wissen, wann Gelegenheit ist, zu handeln und wann es wichtiger ist, den Dingen ihren Lauf zu lassen.

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