Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 13


Zerstörerische Dynamik

WW: Sie kennen vielleicht Rinzai, den großen chinesischen Zen-Meister.

Diop: Ja. Ich habe den Namen schon oft gehört, aber Einzelheiten über ihn kenne ich nicht.

WW: Der chinesische Zen-Meister Rinzai, der mit seinem chinesischen Namen Lin-chi hieß, lebte im neunten Jahrhundert, als das chinesische Tang-Reich im Untergang begriffen war. Mit ihm erreichte das chinesische Zen zweifellos seinen Höhepunkt. Bereits als Knabe trat Rinzai in ein buddhistisches Kloster ein und widmete sich dem Studium der Sutras. Zwanzigjährig drängte es ihn dann aber doch danach, den tieferen Sinn der Schriften durch eigene Erfahrung zu begreifen. Deshalb machte er sich auf eine zweitausend Kilometer lange Wanderschaft von Nord- bis nach Südchina, um sich im Zen zu schulen. Schließlich kam er in das Kloster von Huang-po, wo er etwa drei Jahre lang als Mönch lebte. Huang-po erkannte sofort die Begabung Rinzai’s. Nach seiner Erleuchtungserfahrung blieb Rinzai weiter bei seinem Meister. Erst später kehrte er in den Norden zurück, um sich in einem Kloster niederzulassen, wo er Mönche und Laien auf dem Zen-Weg führte. Rinzai starb im Jahre 866 oder 867. An dieser Stelle setzt das Koan ein.
Als Rinzai im Sterben lag, betraute er Sansho mit seiner Dharma-Linie, indem er sagte: „Zerstöre nach meinem Tode nicht mein 'Aug und Schatz des Wahren Dharma’“. „Wer würde es wagen, Auge und Schatz des Wahren Dharma von Euer Ehrwürden zu zerstören?“, erwiderte Sansho. „Wie wirst du antworten, wenn dich jemand danach fragt?“, wollte Rinzai wissen. „Katsu!“, schrie Sansho sofort. „Keiner weiß, dass mein Auge und Schatz des Wahren Dharma von diesem blinden Esel zerstört wurden“, sagte da Rinzai.

Diop: Wer war dieser Sansho?

WW: Sansho Enen oder chinesisch San-sheng war einer der hervorragendsten Schüler Rinzai’s und wurde später sein Dharma-Nachfolger. Von ihm stammt das Rinzai-Roku, ein Buch, in dem viele Aussprüche und Darlegungen von Rinzai aufgezeichnet sind. Wir begegnen diesem Sansho auch in zwei Beispielen der Koan-Sammlung Hekigan-Roku. Nachdem Sansho von Rinzai Abschied genommen hatte, wanderte er durch China und traf Meister Kyogen. Da ereignete sich folgendes: Kyogen fragte Sansho: „Woher kommt Ihr?“ Sansho antwortete: „Von Rinzai.“ Kyogen sagte: „Habt Ihr Rinzai’s Schwert mitgebracht?“ Noch bevor Kyogen ausgesprochen hatte, trat Sansho vor, ergriff ein Sitzpolster und schlug Kyogen damit. Kyogen sagte nichts und lächelte nur. Als nun Rinzai im Sterben lag, betraute er Sansho mit der Weiterführung seiner Dharma-Linie.

Diop: Was bedeutet das?

WW: Dharma-Nachfolger wird ein Zen-Schüler, der den gleichen Grad der Erleuchtung erreicht hat wie sein Meister, ja, er muss ihn sogar übertreffen! Erst dann wird er von ihm dazu ermächtigt, dessen Dharma weiterzuführen und die Zen-Tradition seinerseits auf einen geeigneten Dharma-Nachfolger zu „übertragen“.

Diop: Gibt es dafür eine Art Bestätigung oder Urkunde?

WW: Ja. Als Symbol der Bestätigung als Dharma-Nachfolger erhielt in der früheren Zen-Tradition der Schüler von seinem Meister dessen Mönchsgewand und Bettelschale. Der Ausdruck „Robe und Schale“ wurde deshalb im Zen zur Metapher der „Übermittlung außerhalb der Schriften.“ Das bedeutet, dass Wahre Erleuchtung deutlich erwiesen ist und der Schüler seine Schulung unter ihm abgeschlossen hat. Bei Meistern, die das Koan-System verwenden, bedeutet dies, dass der Schüler alle von seinem Meister vorgeschriebenen Koans zu dessen voller Zufriedenheit bewältigt hat.

Diop: Es gibt doch aber auch Meister, die keine Koans verwenden, wenn ich richtig informiert bin.

WW: Das ist richtig. In diesem Fall - und wenn auch andere Voraussetzungen, wie etwa die Befähigung zur Führung von Menschen - erfüllt sind, ist er befugt, selbst Schüler auf dem Zen-Weg zu führen. Aber selbst, wenn die Schulung unter einem Meister offiziell abgeschlossen ist, bedeutet das nicht, dass die Zen-Schulung damit beendet wäre. Denn je tiefer ein Zen-Meister in die Wesensnatur blickt, je mehr Erfahrung er gewinnt, desto klarer wird ihm, dass die eigene Schulung nie endet. So heißt es, dass sogar der zu Vollkommener Erleuchtung gelangte Buddha sich noch heute weiterschult.

Diop: Aber die großen Zen-Meister betonen doch immer wieder, dass Zen im Grunde nicht lehrbar und nicht übertragbar ist.

WW: Ja. Das bedeutet, dass kein Buchwissen in Form von Lehren oder Doktrinen vermittelt wird. Es geht vielmehr um ein unmittelbares Begreifen der Wahren Wirklichkeit durch eigene Erfahrung und Einsicht, was im Zen oft umschrieben wird mit den Worten „Übertragung von Herz-Geist zu Herz-Geist“. Doch zurück zum Koan. Als also Meister Rinzai im Sterben lag, betraute er Sansho mit seiner Dharma-Linie, indem er sagte: „Zerstöre nach meinem Tode nicht mein ‘Auge und Schatz des Wahren Dharma’.“

Diop: Was bedeutet das?

WW: Rinzai will ganz sicher sein. Er meint: „Lass Es nicht untergehen, führe meine identische Erfahrung weiter!“ Die Sammlung von Aussprüchen und Unterweisungen von Dogen Zenji wurde später „Shobo-genzo“ genannt, also „Das Schatzkammer-Auge des Wahren Dharma“. Es ist das Hauptwerk von Dogen und gilt als eine der tiefgründigsten Schriften der gesamten Zen-Literatur. Sansho erwiderte am Sterbebett des Meisters: „Wer würde es wagen, Auge und Schatz des Wahren Dharma von Euer Ehrwürden zu zerstören?“ Aber Rinzai ist noch nicht ganz zufrieden. Deshalb fragt er: „Wie wirst du antworten, wenn dich jemand danach fragt?“ Wie willst du deine Verwirklichung zeigen? Sansho schrie sofort „Katsu!“ Er will damit klarmachen, es kann nichts zerstört werden. Ein tiefer Schrei aus der Leerheit ist seine Antwort.
Katsu-Schreie in Japan oder Ho-Schreie in China wurden von Zen-Meistern früher sehr häufig benützt. Es sind Ausrufe, deren Bedeutung sehr vielschichtig sein kann. Rinzai war berühmt für diesen Schrei. Ein kraftvoller Schrei des Meisters genau im richtigen Augenblick vermag dem Schüler zum Durchbruch zu verhelfen. Rinzai unterschied vier Arten des Schreies. Er sagt: Manchmal ist es wie ein Diamant-Schwert, manchmal ist es wie der goldhaarige Löwe, der sich geduckt anschleicht, manchmal ist es wie eine Lockstange, an deren Ende ein Büschel Gras baumelt, manchmal ist es überhaupt nichts. Oft wird der Katsu-Schrei auch als Ausdruck der Leerheit verwendet, also als etwas, das nicht in Worte zu fassen ist.

Diop: Das Verhältnis vom Meister zum Schüler und umgekehrt ist eigentlich mit keiner anderen Beziehung vergleichbar.

WW: Das ist vollkommen richtig. Wenn ein Schüler seinen Meister gefunden hat, hat er das Gefühl, endlich dem Menschen begegnet zu sein, nach dem er lange gesucht hatte. Es ist eine sehr innige, von größtem Vertrauen getragene Beziehung. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus weiß ich, wie ungeheuer wichtig es ist, dem Meister vollkommen zu vertrauen.

Diop: Dieses Vertrauen lässt sich aber nicht erzeugen.

WW: Es ist da oder nicht. Ist es aber da, geht der Schüler den Zen-Weg, von Erfahrung zu Erfahrung voranschreitend und der Meister begleitet ihn ein Stück des Weges.

Diop: Kann diese Beziehung auch gelöst werden?

WW: Ja, natürlich. Zu gegebener Zeit wird sich der Schüler von seinem Meister lösen, wenn er erkennt, dass er durch ihn eingeengt wird. Dieser dramatische Schritt ist sehr bedeutsam und unumgänglich. Obwohl er den Schüler meist in eine große innere Krise stürzt, führt er ihn andererseits in neue, ungeahnte Dimensionen. Dieser Prozess ist vergleichbar mit der Entwicklung einer Eltern-Kind-Beziehung. Das Kind muss losgelassen werden und sich lösen, um erwachsen zu werden. Im Zen entsteht durch diesen Lösungsvorgang eine neue Beziehung, die noch intensiver und inniger ist. Meister und Schüler sprechen gleichsam mit einer Zunge und kommunizieren auf der Basis ihrer völlig identischen Erfahrungen. Sie bestätigen sich gegenseitig. So geben Lehrer nach Lehrer in ununterbrochener Linie ihre Erfahrung weiter.

Diop: „Keiner weiß, dass mein Auge und Schatz des Wahren Dharma von diesem blinden Esel zerstört wurden“, sagte Rinzai. Wie verstehen Sie das

WW: Es ist gut, er hat es. Ich glaube, als Rinzai diesen Schrei gehört hatte, war er sehr zufrieden. Dieser Schrei hat wirklich alle Konzepte ausgelöscht. Wir müssen uns in diesen letzten Satz vertiefen, bis auch wir zu einem blinden Esel geworden sind. Dann erst werden uns die Augen aufgehen.

Diop: In vielen Koans wird der Aspekt von Form und Leerheit angesprochen.

WW: Das ist in allen Koans der Fall. Wer nicht in der Lage ist, beide Ebenen zusammenzubringen, wird nie ein Koan lösen können. Übrigens finde ich das Wort „lösen“ nicht richtig, denn es geht bei den Koans nie um Lösungen, sondern um Erfahrungen. Was löst dieses Koan in mir aus, was macht dieses Koan mit mir, darum geht es in Wirklichkeit. Die Präsentation eines Koans ist eigentlich zweitrangig.

Diop: Ich möchte noch einmal auf die Leerheit zu sprechen kommen. Können Sie mir darüber etwas sagen?

WW: Shunyata, wörtlich übersetzt „Leere“ oder „Leerheit“, ist ein zentraler Begriff im Buddhismus. Im alten Buddhismus erkannte man, dass alle in Beziehung zueinander stehenden und sich bedingenden Erscheinungen leer und nicht-wesenhaft sind.

Diop: Gibt es dabei etwas, was diese Erscheinungen verbindet?

WW: Ja. Ihr wesentliches Merkmal ist Entstehung, Veränderung und Vergehen. Im Mahayana-Buddhismus werden alle Dinge als nicht-wesenhaft, d.h. als leer von jeder Individualität angesehen. Damit ist jedoch nicht gemeint, dass es sie nicht gibt, sondern nur, dass sie nichts weiter sind als bloße Erscheinungen. Sie existieren nie außerhalb der Leere. Die Leere trägt und durchdringt vielmehr alle Phänomene und macht ihre Entwicklung erst möglich. Sie ist sozusagen der Urgrund allen Seins. Aus dieser buddhistischen Auffassung der Leerheit alles Seienden sollte man jedoch nicht auf einen ausgeprägten Nihilismus schließen. Leerheit wird im Mahayana-Buddhismus vielfach mit dem Absoluten gleichgesetzt, frei von jeglicher Dualität. Im Herz-Sutra wird die Leerheit als das Gemeinsame aller Erscheinungen betrachtet und die Nicht-Verschiedenheit von Form und Leere betont. Diese jenseits von Existenz und Nicht-Existenz liegende Leerheit ist nie in Worten erklärbar, sondern nur direkt erfahrbar. Zen ist einfach die Verwirklichung der Leerheit in diesem Augenblick.

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