Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 96


So nich

WW: Kyuho lebte in Sekisos Kloster als dessen Diener. Nachdem Sekiso gestorben war, ließ die Versammlung den obersten Mönch kommen und forderte ihn auf, dass er die Nachfolge als Hauptpriester antrete. Kyuho war damit nicht einverstanden und sagte: „Wartet, bis ich ihn geprüft habe. Wenn er versteht, was unser verstorbener Meister gemeint hat, will ich ihm ebenso dienen wie dem verstorbenen Meister.“ Dann fragte er den obersten Mönch: „Unser verstorbener Meister sagte: ‚Lösche alle täuschenden Gedanken aus. Lass das Bewusstsein vergehen; lass dein eines Bewusstsein zehntausend Jahre fortdauern; lass dein Bewusstsein zu kalter Asche und zu einem verdorrten Baum werden: Lass dein Bewusstsein zu einem dünnen Faden weißer Seide werden.‘ Antworte mir, was wollte er damit klarmachen?“ „Er wollte damit den Bereich der einen Farbe klarmachen“, sagte der oberste Mönch. „Wenn das deine Antwort ist, verstehst du noch nicht, was der alte Meister gemeint hat“, entgegnete ihm Kyuho. „Du erkennst mich nicht an. Bring mir Weihrauch“, sagte der oberste Mönch. Dann zündete er den Weihrauch an und erklärte: „Wenn ich nicht verstehe, was der alte Meister meinte, bin ich auch nicht imstande zu sterben, während dieser Weihrauch aufsteigt.“ Kaum hatte er das gesagt, als er auch schon im Zazen sein Leben aushauchte. Kyuho klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Du kannst zwar sitzend oder stehend sterben, aber du verstehst immer noch nicht, was der verstorbene Meister meinte, nicht einmal im Traum.“

Diop: Wer war dieser Kyuho?

WW: Über Kyuho weiß man nicht sehr viel. Er war Schüler von Sekiso, der bekannt war für seine strenge Schulung. Es heißt, dass seine Schüler immer nur saßen und sich niemals niederlegten, weshalb seine Mönchsgemeinde auch als „die Versammlung der toten Bäume“ bekannt wurde. Aus welchem Holz dieser junge Kyuho geschnitzt war, kam zutage, als nach dem Tod des Meisters entschieden werden musste, wer weiterhin das Lehramt übernehmen solle. Kyuho lebte in Sekisos Kloster als dessen Diener. Nachdem Sekiso gestorben war, ließ die Versammlung den obersten Mönch kommen und forderte ihn auf, dass er die Nachfolge als Hauptpriester antrete.

Diop: Der junge Kyuho aber verlangte, dass man erst eine Probe machen müsse, ob der oberste Mönch seinen Meister Sekiso auch wirklich verstanden habe?

WW: Ja. Kyuho war damit nicht einverstanden und sagte: „Wartet, bis ich ihn geprüft habe. Wenn er versteht, was unser verstorbener Meister gemeint hat, will ich ihm ebenso dienen wie dem verstorbenen Meister.“

Diop: Worum geht es in diesem Koan?

WW: Es geht natürlich im Zen nie um irgendwelche PSI-Phänomene, die durchaus eintreten können. All dies ist nur Beiwerk. Im Zen geht es immer nur um die Verwirklichung unserer Wesensnatur, um den „Quantensprung“ in das neue Bewusstsein, hinein in den Bereich, der jenseits von Leben und Tod liegt. Deshalb zitiert Kyuho seinen verstorbenen Meister. „Lösche alle täuschenden Gedanken aus. Lass das Bewusstsein vergehen; lass dein eines Bewusstsein zehntausend Jahre fortdauern; lass dein Bewusstsein zu kalter Asche und zu einem verdorrten Baum werden: Lass dein Bewusstsein zu einem dünnen Faden weißer Seide werden.“ Kyuho wollte wissen, ob der oberste Mönch in diesen Bereich schon vorgedrungen ist. Lass dein beurteilendes Bewusstsein vergehen und erkenne dein zeitloses Bewusstsein. Lass dein beurteilendes Bewusstsein verdorren und achte auf das, was immer da ist, aber nicht sichtbar ist.

Diop: Der oberste Mönch antwortete: „Er wollte damit den Bereich der einen Farbe klarmachen“.

WW: Der „Bereich der einen Farbe“ ist der Bereich der Einfarbigkeit, der absoluten Leerheit. Es ist der Bereich, in dem das Bewusstsein vergangen ist, gleichsam zu kalter Asche geworden ist, zu einem verdorrten Baum. Aber Leerheit ist nur der eine Aspekt der Wirklichkeit. Die Form gehört ebenfalls dazu. Deswegen sagt Sekiso: „Lass dein Bewusstsein zu einem dünnen Faden weißer Seide werden.“ Der weiße Faden eines Kokons ist mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen und trotzdem ist er da, hat er Form. Der oberste Mönch ist in der Leerheit steckengeblieben. Die Leere der Zen-Übung darf aber keine tote Leere sein. Leerheit beinhaltet Fülle, Leere ist Form, Leere ist Dynamik. Diese Leere, die weder zu ergründen noch zu ermessen ist, manifestiert sich in allem und bleibt doch unverändert. Sie ist wie die Sonne, die das ganze Weltall erleuchtet und gleichzeitig alle Formen durchdringt.

Diop: Der verstorbene Meister sagte auch: „Lösche alle täuschenden Gedanken aus“.

WW: „Täuschende Gedanken“ bedeutet ein Sich-Festmachen an Begriffen wie Existenz, Geburt oder Tod, an Bewusstsein, Name, Form und den Sinnesorganen. Nur in unserer Vorstellung wird etwas geboren und manifestiert sich dann als etwas Greifbares und Fassbares. Was geboren wird, muss sterben. Unsere Aufgabe ist es, herauszufinden, was nie geboren wurde und nie sterben wird, was nie schläft und nie wach ist.

Diop: Die Welt des Alltagsmenschen besteht jedoch aus einem Netz aus Wünschen, getrennt in Freud und Leid, richtig und falsch, oben und unten.

WW: Das ist richtig. Um jedoch die „Wirkliche Welt“, die jenseits der Begrenzung des Verstandes liegt, zu erleben, müssen wir uns aus diesem Netz befreien. Bayezid, ein islamischer Mystiker, sagte einmal: „Ich schlüpfte aus meinem Ich wie eine Schlange aus ihrer Haut. Dann schaute ich und sah, dass ich ER bin.“ Auf diese Weise gelangen wir zu der Quelle ohne Ursache, zu der Quelle von allem, was ist und nicht ist, und deren Licht all unsere Erfahrungen durchdringt. „Lösche alle täuschenden Gedanken aus.“ Wir müssen uns leer machen. Ein Sufi-Meister hat dies so formuliert: „Wenn du möchtest, dass Gott in deinem Herzen leben soll, befreie dich von allem außer Ihm, denn der König wird nicht in ein Haus einziehen, das mit Vorräten und Möbeln gefüllt ist. Er wird nur in ein Herz einziehen, das leer ist von allem außer Ihm selbst.“
Der Klostervorsteher ist betrogen durch den Verbleib in der toten Leere, die doch vollendet ist.

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