Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 94


Ohne Erkennen

WW: Tozan fühlte sich nicht wohl. Da fragte ihn ein Mönch: „Euer Ehrwürden fühlen sich nicht wohl. Gibt es eigentlich einen, der nicht krank ist?“ „Gibt es“, antwortete Tozan. „Pflegt dieser Gesunde Euer Ehrwürden?“, fragte der Mönch. „Der alte Mönch pflegt Jenes ganz entsprechend“, sagte Tozan. „Was ist, wenn dieses Ehrwürdige ihn pflegt?“, fragte der Mönch. „Dann sieht er nicht, dass da eine Krankheit ist“, sagte Tozan.

Diop: Tozan fühlt sich nicht wohl. Da fragte ihn ein Mönch: „Gibt es eigentlich einen, der nicht krank ist?“

WW: Ja. Der Mönch meint: Gibt es eigentlich Einen oder Etwas, das von all dem unberührt bleibt? Gibt es eine Form, die nicht krank ist?

Diop: „Gibt es“, antwortete Tozan.

WW: Sie sehen, der Mönch nutzt den Augenblick des Unwohlseins seines Meisters, um in seine eigene Tiefe vorzudringen. Viele stellen sich vor, ein Zen-Meister wird niemals krank, denn einer, der schon so weit ist, so meinen sie, kann einfach nicht mehr krank werden. Dem ist, wie Sie sehen, nicht so. Auch ein Zen-Meister wird hin und wieder krank, aber er geht mit der Krankheit anders um.

Diop: Wie reagiert ein Meister, wenn er krank ist?

WW: „Pflegt dieser Gesunde Euer Ehrwürden?“, fragte der Mönch. Kümmert sich die Wesensnatur um dich? könnte die Frage anders lauten. Kümmert sich die Leerheit um die Form? In welcher Beziehung steht die Leerheit zur Form?

Diop: „Der alte Mönch pflegt Jenes ganz entsprechend“, antwortet Tozan.

WW: Das heißt: Die Wirklichkeit ist ganz eins mit der Wesensnatur. Die Form ist ganz leer.

Diop: „Was ist, wenn dieses Ehrwürdige ihn pflegt?“, fragte der Mönch weiter.

WW: Der Mönch will wissen, was ist, wenn sich die Wesensnatur in uns verwirklicht hat? Er meint: Was ist dann, wenn du ganz eins bist mit deiner Wesensnatur? Was ist, wenn diese Leerheit in die Form eingedrungen ist?

Diop: „Dann sieht er nicht, dass da eine Krankheit ist“, sagte Tozan.

WW: Er meint: Dann gibt es keine Krankheit mehr für mich. Dann ist es einfach so, wie es ist, jenseits von gesund und krank, Augenblick für Augenblick. „Dann sieht er nicht“ heißt: Dann ist er sich nicht mehr bewusst, dass da eine Form ist, die krank ist. Die Welt und der Verstand sind Zustände des Seins. Die Wesensnatur aber ist kein Zustand. Sie durchdringt und übersteigt alle Zustände wie Krankheit, Alter und Tod. Solange der Verstand existiert, existieren Körper und Welt. Wir können nur das Falsche „wissen“. Die Wahrheit müssen wir selbst sein. Verstand wird im Sufismus auch als „Schlächter der Wirklichkeit“ bezeichnet. „Der alte Arzt bemerkt nicht die vorherige Magenverstimmung“, heißt es im Vers. „Der alte Arzt“, gemeint ist die Wesensnatur, bemerkt nicht unseren alten Zustand, denn sie kennt kein vorher und kein nachher. Die Wesensnatur ist immer klar und rein. Sie ist wie die Sonne. Oft scheint sie durch Wolken und Dunst verdunkelt zu sein. Das liegt jedoch nicht an der Sonne! Wir müssen uns mit den Ursachen der Verdunkelung auseinandersetzen, nicht mit der Sonne.

Diop: Was bedeutet Krankheit für uns? Wie gehen wir damit um?

WW: Wir sind nicht immer gesund, so wie die Sonne nicht immer scheint. Manchmal gibt es auch Regentage. Wir wünschen uns dann, die Sonne würde wieder scheinen. Wir wollen die Krankheit überwinden, unser Leben um jeden Preis verlängern. Dabei geht es doch eigentlich um die Qualität des Lebens, nicht um die Quantität. Wir können uns nichts Besseres vorstellen als das Leben. Aber ein Mensch zu sein, ist nicht der höchste Zustand. Es gibt etwas viel Wunderbareres jenseits davon, was weder Sein noch Nicht-Sein berührt, weder Leben noch Nicht-Leben. Es ist ein Zustand reinen Gewahrseins, ohne alle Begrenzung von Zeit und Raum. Dazu müssen wir, wie es im Vers heißt: „Den übelriechenden Fellsack ablegen, die Menge roten Fleisches wegwerfen; sofort ist die Nase in die Höhe gehoben, und sogleich ist der Kopf nüchtern.“ Bodhidharma sagt: „Dein wirklicher Körper hat keine Empfindungen, fühlt keinen Hunger und keinen Durst, keine Wärme und keine Kälte, keine Krankheit, keine Liebe und keine Bindung, keine Lust, keinen Schmerz, weder Angenehmes noch Unangenehmes. Er kennt kein kurz und lang, schwach und stark. In Wirklichkeit gibt es nichts. Es ist nur unserem Haften an diesem materiellen Körper zuzuschreiben, dass es Dinge wie Hunger und Durst, Wärme, Kälte und Krankheit für uns gibt. Lässt du einmal los, bist du frei, sogar frei von Geburt und Tod. Dann verwandelst du alles. Dann hast du geistige Kräfte, die durch nichts gehindert werden können. Wo du auch bist, weilst du in Frieden. Zweifle nicht daran, sonst kannst du nie etwas durchschauen.“

Diop: Viele Menschen bleiben auf halbem Weg stehen, machen sozusagen nur einen „kurzen Besuch“ und stellen fest, wie mühsam es ist, auf dem Weg voranzukommen.

WW: Sie versuchen, sich diesem „Es“ zu nähern und entfernen sich in Wirklichkeit nur noch weiter. Wir müssen begreifen, dass nicht wir es sind, die suchen, sondern dass Es das ist, was uns sucht. In Wirklichkeit sind wir die Gesuchten. Bayezid Bistami, ein großer Sufi-Mystiker des neunten Jahrhunderts, hat sehr treffend gesagt: „Anfangs irrte ich mich in vierfacher Hinsicht: Ich bildete mir ein, Gott zu erinnern, Ihn zu kennen, Ihn zu lieben und Ihn zu suchen. Am Ende aber sah ich, dass Er sich meiner erinnert hatte, bevor ich mich Seiner erinnerte, dass Er von mir wusste, bevor ich von Ihm wusste, dass Seine Liebe vor meiner Liebe bestand und dass Er mich gesucht hatte, bevor ich Ihn suchte.“ Jemand fragte einmal die Sufi-Meisterin Rabi’a: „Ich habe viele Sünden begangen. Wenn ich mich in Reue Gott zuwende, wird Er sich mir zuwenden und mir verzeihen?“ - „Nein“, erwiderte sie, „doch wenn Er sich dir zuwendet, wirst du dich Ihm zuwenden.“

Diop: Das tut weh!

WW: Das ist richtig. Ein persisches Gedicht sagt: „Das Ich geht nicht in Freuden und mit Liebkosungen von dannen; es muss durch Kummer verjagt und in Tränen ertränkt werden.“ Das bedeutet: Nimm es einfach, wie es ist. Füge nichts dazu und lass auch das scheinbar Negative zu. Könnten wir Menschen verstehen, dass nichts geschehen kann, ohne dass das gesamte Universum es geschehen lässt, würden wir mit weit weniger Aufwand wesentlich mehr erreichen.

Diop: Obwohl Es sich nicht rational lösen und begreifen lässt, versuchen wir es aber doch immer wieder.

WW: Ja. Wir suchen in der Helligkeit des Verstandes, aber Es lässt sich nur im Dunkel finden. Sie kennen vielleicht die kleine Geschichte von Nasruddin, einem islamischen Weisen und Narren: Als ein Passant Nasruddin sah, der den staubigen Boden vor seiner Hütte absuchte, fragte er ihn, was er denn tue. Nasruddin erwiderte, dass er nach seinem verlorenen Schlüssel suche. Der Passant erbot sich, ihm zu helfen. Nachdem sie einige Zeit ohne Ergebnis gesucht hatten, fragte der Helfer Nasruddin, wo genau er den Schlüssel verloren habe, worauf der Mulla zur Antwort gab: „In meiner Hütte.“ „Wieso denn suchst du hier draußen?“ „Weil er hier draußen heller ist.“
Der Verstand folgt im Alltag gewöhnlich einem automatischen Denkprozess, über den wir oft sehr wenig Kontrolle haben. Der Verstand denkt uns und nicht umgekehrt. Wir brauchen nur einen Augenblick innezuhalten und unsere Gedanken zu beobachten, um zu sehen, dass jeder Gedanke einen neuen hervorbringt und jede Antwort eine neue Frage erzeugt. Weil unsere Energie dem Gedanken folgt, wird unsere mentale und psychische Energie in viele Richtungen zerstreut. Spirituelles Leben bedeutet, dass man lernt, sich auszurichten und die gesamte Energie auf ein lebendiges Leben hinzulenken. In der Eisernen Flöte, einer Koan-Sammlung, steht: „Der gesunde Mensch denkt nicht an Krankheit, und der Kranke kämpft um die Wiedererlangung der Gesundheit. Jemand wurde einmal gefragt, was er denn in sich habe, er sehe so ruhig und zufrieden aus. Statt einer Antwort kam die Gegenfrage: Was er denn in sich habe, er sehe so missgelaunt und gequält aus. Wer nichts in sich hat, ist immer glücklich, aber wer viele Wünsche hegt, wird nie frei von seinem Elend.“ Bodhidharma sagt: „Überwinde die Sprache, überwinde das Denken. Sehen, Hören und Wissen sind vom Wesen her leer. Unser Ärger, unsere Freuden oder Schmerzen sind die von Marionetten. Sucht, soviel ihr mögt, ihr werdet nichts finden.“ Und im Shodoka lesen wir: „Der leere Schein-Leib ist der wahre Dharma-Leib. Wenn der Dharma-Leib voll erwacht, ist nicht ein Ding.“

Diop: Heißt das: Unser Körper ist dieser leere Schein-Leib?

WW: Hui-Neng sagt: „ Alle Lebewesen besitzen zwei Leiber, einen materiellen Leib und einen Dharma-Leib. Der materielle Leib ist vergänglich, er wird geboren und stirbt; der Dharma-Leib ist unveränderlich, ohne Erkennen.“
Zen-Meister Ummon sagt uns: „Der Dharma-Leib isst Reis“ und an anderer Stelle: „Der nichtige Phantom-Leib ist nichts anderes als der Dharma-Leib.“
Im Zen geht es darum, diesen Dharma-Körper, diesen voll erwachten Körper zu verwirklichen. Dann ist es so, wie es ist. Wir müssen in unserer Übung fortschreiten, bis wir es zu einer Mühelosigkeit gebracht haben, die uns die Dinge erfahren lässt, wie sie sind.

Diop: Wir sind darauf konditioniert zu glauben, dass wir zu Beginn jeder Reise wissen müssen, wohin die Reise geht und wie wir ans Ziel gelangen können.

WW: Das ist richtig. Wir haften an dieser Konditionierung und versuchen, sie auf das spirituelle Leben zu übertragen: Welches Ziel streben wir an, welche Übungen werden uns dorthin bringen? Doch die wahre Reise der Seele ist nicht, was wir selbst gewählt haben. Wir folgen einem Ruf, der uns über das Bekannte hinaus ins Unbekannte, über die Welt der Formen hinaus ins Formlose führen wird. Die längste Reise ist die Reise zurück zu uns selbst. Aufgabe dieses Lebens ist es, unsere Reise zu beginnen. Dabei müssen wir lernen, Verstand und Sinne still werden zu lassen, um zu erfahren, wer wir wirklich sind.

Diop: Könnte es sein, dass Krankheit in diesem Koan etwas ganz anderes bedeutet?

WW: Ja. Mit Krankheit, - so meine ich - ist eigentlich nicht so sehr die körperliche Krankheit gemeint, sondern die Illusion, die uns der Verstand vorgaukelt. Wenn ein Mensch in den Bereich des Absoluten vorgedrungen ist, sieht er nicht mehr, dass da die Illusion ist. Er macht keinen Unterschied mehr zwischen Erleuchtung und Illusion. Dieser Unterschied löst sich gleichsam in dieser Erfahrung auf, d.h., Erleuchtung wird zur Illusion und Illusion ist zugleich Erleuchtung.

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