Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 93


Ich bin es

WW: Roso kam mit folgender Frage zu Nansen: „‚Die Menschen erkennen den Mani-Juwel nicht. Ich habe ihn selbst in der Tathagata-Schatzkammer aufgelesen.‘ Was ist in dieser Schatzkammer?“ „Es ist der Alte Meister O, der dir in dieser Weise Frage und Antwort steht“, antwortete Nansen. „Was ist, wenn Fragen und Antworten nicht stattfindet?“, fragte Roso. „Das ist es auch“, sagte Nansen. „Was ist der Juwel?“ fragte Roso. „Ehrwürdiges So!“, antwortete Nansen. „Ja, Meister“, sagte Roso. „Hinaus mit dir! Du hast kein Wort verstanden“, rief Nansen.

Diop: Ist das der gleiche Roso, den ich bereits im Dialog des dreiundzwanzigsten Koan „Roso schaut die Wand an“ kennengelernt habe?

WW: Ja. Und nun kommt Roso mit einem Zitat aus dem Avatamsaka-Sutra zu Nansen. „Die Menschen erkennen den Mani-Juwel nicht.“

Diop: Was bedeutet Mani-Juwel?

WW: „Mani“ ist im Sanskrit ein Sammelbegriff für Perlen und Jade. Jade war im alten China so bedeutend wie bei uns im Westen das Gold. Mani ist ein Bild für unsere Buddha-Natur, für unsere Wesensnatur. Im Perlennetz Indras, von dem es heißt, dass es aus Mani besteht, spiegelt jede einzelne Perle alle zahllosen Perlen wider, die ihrerseits wieder jede einzelne Perle widerspiegeln, sodass es zu einem endlosen gegenseitigen Widerspiegeln aller Perlen kommt. Dadurch wird das gegenseitige endlose Durchdringen aller Dinge veranschaulicht.

Diop: Was ist das Wesen dieses Mani-Juwels?

WW: Ummon sagt: „Das vollkommene Leuchten des einzigartigen Mani-Juwels ist formlose Form.“ Das Mani-Juwel verdeutlicht also die Welt der unbehinderten Durchdringung aller Dinge, die leer sind, ohne leer zu sein, Form sind, ohne Form zu sein. Im Avatamsaka-Sutra wird dieser Juwel folgendermaßen beschrieben: „Im Meer gibt es ein königliches Juwel, das unerschöpfliches Licht ausstrahlt. Wer mit ihm in Berührung kommt, nimmt dessen Farbe an. Wer ihn erblickt, dessen Augen werden rein. Ebenso auch das allerhöchste königliche Juwel. Wer mit seinem Licht in Berührung kommt, wird zu seinem Ebenbild. Wer ihn sieht, dessen fünf Augen tun sich auf, vernichten das Dunkel der Sinnlichkeit und weilen im Buddha-Zustand. Das wunscherfüllende königliche Juwel befriedigt alle Wünsche. Dass Wesen von geringen Verdiensten es nicht sehen können, liegt nicht daran, dass dieses Juwel Unterschiede machte.“ Aber auch im Shodoka, dem Gesang vom Erkennen des Tao von Yoka Daishi ist die Rede von diesem Juwel. „Der König des Dharma ist unübertroffen. Unzählige Tathagatas haben das gleiche bezeugt wie er. Jetzt verstehe ich den wunscherfüllenden Juwel. Wer ihn vertrauensvoll annimmt, bekommt alles, was ihm gebührt.“ Soko Morinaga Roshi sagt dazu: „Am Himmel Indras, dem Gott des Firmaments, hängt ein Netz, in dessen Knotenpunkten sich jeweils ein Juwel befindet. Obwohl die einzelnen Juwelen voneinander getrennt sind und in keiner Beziehung zueinander zu stehen scheinen, sind sie in Wirklichkeit alle miteinander verbunden und spiegeln einander wider. Entfernt man deshalb auch nur ein einziges Juwel, dann wirkt sich das auf das Spiegelbild in allen anderen Juwelen aus. In gleicher Weise ist auch unser Leben etwas, das unvermeidlich mit anderem in Beziehung steht. Es ist nicht nur die eine Leere, die alle Erscheinungen in sich enthält, sondern jede Erscheinung an sich enthält wiederum alle anderen Erscheinungen.“

Diop: Was bedeutet das?

WW: Wir sind mit allem, das existiert oder nicht existiert, vernetzt. Mehr noch: Auch das, was existiert, steht in Beziehung zu dem, was nicht existiert. Form und Leere erschaffen sich gegenseitig. Wir sind wie das Netz von Indra miteinander verbunden in einem gigantischen Netzwerk. Alles steht mit allem in Wechselbeziehung und trotzdem existiert jeder Teil für sich selbst. Das Leben enthält immanent den Tod und der Tod ist im Leben enthalten. Trotzdem ist das Leben Leben und Tod ist Tod. In diesem Sehen wird nichts gesehen. Das, was der Alltagsmensch sieht, ist Täuschung. Wir müssen lernen zu sehen, losgelöst vom Sehen mit den Augen. So wird unser Sehen zu einem Nicht-Sehen. Dieses Nicht-Sehen entsteht dann, wenn Form und Leere sich berühren und gegenseitig durchdringen. Wenn unser Geist unbeweglich ist, entsteht keine Welt im Außen. Auf diese Weise wird sowohl unser Geist als auch die Welt transparent. Unsere Vor-Stellungen sind es, die unsere wahre Sicht behindern, weil sich unsere Konzepte und Meinungen davorstellen. Fallen diese Vor-Stellungen jedoch weg, gibt es im Leben keine Hindernisse mehr und alles liegt klar und offen vor uns. Die Wahre Welt liegt jenseits dieser Welt und doch in dieser Welt. Wir nehmen diese Welt, die eine Scheinwelt ist, auf Illusionen aufgebaut, so lange nicht wahr, bis wir aufwachen aus diesem Traum und uns dessen bewusst werden. Der Film „Die Truman Story“ zeigt dies sehr deutlich. Truman durchschaut langsam den ganzen Lug und Trug dieser Illusionen, durch die er manipuliert wird, und macht sich mit einem Segelboot auf die Reise. Niemand und nichts kann ihn aufhalten. Doch dann kommt der entscheidende Augenblick. Er stößt an die Grenze dieser Scheinwelt, einer Art Pseudo-Horizont, in dem sich eine Tür befindet. Ein letztes Zurückhaltenwollen des „Regisseur seines Lebens“, – dargestellt als technischer, machtgieriger Gott – scheitert. Truman lässt sich von den Verlockungen nicht verführen. Er geht durch die Tür in die wahre Welt, in die wahre Wirklichkeit. In unserem Leben sind wir Regisseur und Schauspieler zugleich. Da ist niemand, der die Fäden zieht und uns willenlos wie eine Marionette macht. Wir selber sind es, unsere Leidenschaften, die uns dahin und dorthin ziehen und denen wir ausgeliefert sind. Wir selber sind es, die mit jedem einzelnen Schachzug das ganze Spiel unseres Lebens gestalten und ihm die Richtung geben.

Diop: Für mich ist die entscheidende Frage: Gewinne ich dieses Spiel, oder verliere ich es? Durchschaue ich die Täuschungen, die in der indischen Esoterik Maja genannt werden, oder nicht? Wache ich auf, oder träume ich weiter in dieser Illusion einer Scheinwelt?

WW: „Ich habe ihn selbst in der Tathagata-Schatzkammer aufgelesen“ zitiert Roso weiter.

Diop: Was ist ein „Tathagata“?

WW: „Tathagata“ bedeutet im Sanskrit so viel wie „der so Dahingelangte, Vollendete“. Tathagata bezeichnet einen Menschen auf dem WEG der Wahrheit zur höchsten Erleuchtung Der „Dahin-Gelangte“ und ist einer der zehn Titel des Buddha. Die „Tathagata-Schatzkammer“ ist die jedem Wesen innewohnende verborgene Wesensnatur. Dies alles sind jedoch nur Worte, die einen der Realisierung des Koans keinen Schritt näherbringen. All diese Einzelheiten erläutern zwar den Hintergrund des Koans, sind aber zu seiner Verwirklichung nicht von Bedeutung. Es ist nun einmal so, dass die Ur-Wirklichkeit nicht in Worten ausgedrückt werden kann, außer dass sie angedeutet oder auf sie hingewiesen werden kann. So richtig und treffend Worte aus der Sicht der Ur-Wirklichkeit auch sein mögen, bleiben sie doch dem in der intellektuellen Finsternis Stehenden unklar und verworren. Der Zen-Meister weiß um die Armut des Wortes. Er weiß um die Unmöglichkeit, Dinge mit Worten mitzuteilen, die über die Alltagswelt hinausreichen. Und trotzdem ist Verständigung unter Menschen ohne das Hilfsmittel der Sprache undenkbar. Auch der Zen-Meister macht vom Wort Gebrauch, selbst wenn diese Ur-Wirklichkeit mit Worten nicht zu fassen ist.

Diop: „Was ist diese Schatzkammer?“, fragt Roso weiter.

WW: „Was ist in dieser Ur-Wirklichkeit, wie erlebe ich sie, wenn ich durchgestoßen bin?“ Solche Fragen sind häufig von Menschen zu hören, die den Zen-Weg gehen. Sie wissen nicht, dass es eben diese antrainierte Gewohnheit des Fragens nach dem was, wer, wo, wann, wie oder warum ist, die sie am intuitiven Erfassen der Wirklichkeit hindert. Es sind die Fragen eines „Traum-Subjektes“, das nicht weiß, dass es schläft. Alles Wahrnehmen unter dem Gesichtspunkt der Vorstellung ist ein falsches Wahrnehmen. Richtiges Wahrnehmen ist ein Nicht-Wahrnehmen, jenseits von Gedanke und Körper. Richtiges Wahrnehmen bedeutet, dass in Wirklichkeit keine Beziehung zwischen einem Wahrnehmenden und dem Wahrgenommenen existiert, sondern nur ein reines Wahrnehmen an sich, das Sein, wie es ist. „Was ist in dieser Schatzkammer?“, fragt Roso. Nansen antwortet: „Es ist der Alte Meister O, der dir in dieser Weise Frage und Antwort steht.“ Er will sagen: Es ist die Wirklichkeit selbst, die in dieser Dynamik des Sprechens zum Ausdruck kommt. Roso fragt weiter: „Was ist, wenn Fragen und Antworten nicht stattfindet?“ Er will sagen: Was ist, wenn diese Dynamik nicht mehr in Worten ans Licht kommt? „Das ist es auch“, sagt Nansen. Diese Dynamik wirkt in Worten ebenso wie in Nicht-Worten, im Rauschen des Waldes wie im Plätschern des Regens. „Ehrwürdiges So“ nennt es Nansen. In diesem „Ehrwürdigen So“ gibt es nichts mehr, was wahrgenommen wird, und niemanden mehr, der wahrnimmt. Es könnte auch heißen: „Ehrwürdiger So“. „Ehrwürdiger Roso“, d.h., du bist dieser Juwel. Hör auf zu suchen!

Diop: „Ja, Meister“, sagt Roso. „Hinaus mit dir! Du hast kein Wort verstanden!“ ruft Nansen und wirft ihn hinaus!

WW: Dieses „Ja, Meister“ demonstriert Roso ebenso wie Ananda, der gerufen wird und antwortet: „Ja?“ Darin zeigt sich die ganze Dynamik unserer Wesensnatur. Das ist ES! Wir dürfen diesen Satz nicht als Wertung, als Bestrafung oder als Bosheit, weil wir etwas falsch gemacht haben, begreifen. „Hinaus mit dir!“ ist einfach nur „Hinaus mit dir!“, jenseits von innen und außen, jenseits von Belohnung oder Bestrafung, ohne „Ich habe jetzt keine Lust mehr, mich weiter mit dir zu unterhalten.“ Mit dem „Hinaus mit dir!“ zeigt uns Nansen reines So-Sein, zeigt den wahren Zustand der Realität. „Du hast kein Wort verstanden“ bedeutet nichts Negatives, sondern: Dieses Nicht-Wissen ist es! Du kannst gehen, es ist nichts mehr zu sagen. Dogen sagt: „Alle Lebewesen, alle Dharmas sind So-Sein. Alle Heiligen und alle Weisen sind So-Sein, alle Patriarchen, auch du bist So-Sein. „Du hast kein Wort verstanden“. Das ist es! Dahin müssen wir kommen! Kein intellektuell beurteilendes Verstehen, nur Ehrwürdiges So-Sein, nur: „Ja, Meister“. Wir müssen unseren Verstand verkaufen, wenn wir den Schatz, den Juwel bekommen wollen. Nikolaus von Kues sagt: „Deshalb genügt es auch für den Weisheitssucher nicht, das zu kennen, was über die Weisheit in den Büchern steht. Vielmehr muss er, wenn er erkannt hat, wo sie zu finden ist, sie sich zu eigen machen; so wie einer, der einen Acker kennt, in dem ein großer Schatz ruht, sich des Schatzes nicht erfreuen kann, solange der Acker nicht in seinem Besitz ist, und deshalb alles verkauft und den Acker erwirbt, um mit ihm auch den Schatz zu besitzen. So muss man alles Eigentum verkaufen und preisgeben, denn die ewige Weisheit will sich nur von dem besitzen lassen, der ihretwegen alles Eigentum fahren lässt.“ Nikolaus von Kues will uns klarmachen, dass unsere wahre Natur wie ein vergrabener Schatz ist, den wir herausholen müssen. Dazu müssen wir alles Verstandesmäßige verkaufen. Wir selber sind der Schatz, wir selber sind die Schatzkammer, wir selber sind der Juwel, wir selber sind dieses „irdene Gefäß“, in dem alles enthalten ist, wie Kabir sagt: „Im irdenen Gefäß sind Gemächer und Haine und darinnen der Schöpfer. In diesem Gefäß sind die sieben Ozeane und die unzähligen Sterne. Der Prüfstein und der, der die Juwelen prüft, sind beide darin. Und in diesem Gefäß ertönt das Ewige, und der Frühling sprudelt hervor.“
Im Vers zum Koan heißt es: „Ein allumfassend regierender Herrscher belohnt die, die Verdienste erworben haben.“ Die Wesensnatur belohnt die, die hindurchgestoßen sind. Aber dann sind Verdienste keine Verdienste mehr und Belohnung ist nicht mehr Belohnung.

©PranaHaus GmbH

Persönlichen Newsletter bestellen und die nächste Bestellung portofrei erhalten.

Sie erreichen uns unter: 08 48 / 77 55 33


Bestellannahme: Mo-Fr: 8.00 – 18.00 Uhr & Sa: 9.00 - 15.00 Uhr / Kundenservice: Mo-Fr: 9.00 – 17.00 Uhr

PranaHaus-Katalog

PranaHaus-Katalog

Entdecken Sie den neuen Katalog von PranaHaus: Sie können darin wie in einem echten Katalog blättern und direkt online bestellen.

Zum Blätterkatalog

Folgen Sie unseren Social-Media-Kanälen

Der Online-Shop von PranaHaus wird betrieben durch: PranaHaus GmbH, Wöhlerstr. 1, D - 79108 Freiburg
© pranahaus.ch | Impressum | Datenschutz | AGB | Verbraucherinformation | Sitemap
*Es gelten die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der PranaHaus GmbH nebst Widerrufsbelehrung sowie die Verbraucherinformationen und Datenschutzhinweise. Abgabe erfolgt nur in haushaltsüblichen Mengen, ausschließlich über den Versandhandel und solange der Vorrat reicht. Für den Anspruch auf den Vorteil entspricht hierbei der Mindestbestellwert i.H.v. CHF 40,- dem Mindestkaufwert. Eine Barauszahlung ist nicht möglich. Vorteile sind nicht mit anderen kombinierbar und nicht auf andere übertragbar. Die Geschenk-, Rabatt- und Gutscheinaktionen gelten zudem nicht für Artikel von Aura-Soma® und nicht für Online-Kurse. Bei Portofrei-Aktionen gilt: ausgenommen Speditionsaufschlag; nur für Lieferungen innerhalb der Schweiz. Ein Geschenk können Sie auch dann behalten, wenn Sie von Ihrem Rückgaberecht Gebrauch machen. Ersatzlieferung vorbehalten.
Portofrei-Aktion*
Hinweis verbergen
Portofrei-Aktion*