Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 8


Gebunden oder nichtgebunden?

WW: Wann immer Meister Hyakujo den Dharma predigte, erschien ein Greis und hörte mit den Mönchen zu. Gingen sie weg, ging auch er. Eines Tages blieb er jedoch allein zurück. Da fragte ihn der Meister: „Was für ein Mensch bist du, der hier vor mir steht?“ Der alte Mann entgegnete: „Wahrlich, ich bin kein Mensch. In ferner Vergangenheit, zur Zeit von Kashyapa Buddha lebte ich auf diesem Berg als Zen-Priester. Einmal fragte mich ein Mönch: ‘Bleibt ein vollkommen Erleuchteter an das Gesetz von Ursache und Wirkung gebunden oder nicht?’ Ich antwortete: ‘Er ist nicht an das Gesetz gebunden’. Wegen dieser Antwort fiel ich für 500 Jahre zurück in den Zustand eines Fuchses. Jetzt bitte ich Euch, Meister, sagt ein Kehrwort für mich und erlöst mich aus dem Körper eines Fuchses.“

Diop: Was ist ein Kehrwort?

WW: Ein Kehrwort kann ein Satz sein, der die Kraft hat, Illusionen in Erleuchtung zu verwandeln.

Diop: Danke, aber ich wollte Sie nicht unterbrechen.

WW: Danach fragte der alte Mann: „Bleibt ein vollkommen Erleuchteter an das Gesetz von Ursache und Wirkung gebunden oder nicht?“ Der Meister erwiderte: „Das Gesetz kann nicht verdunkelt werden.“ Unmittelbar beim Hören dieser Worte wurde der Greis tief erleuchtet. Er verbeugte sich und sagte: „Jetzt bin ich vom Körper des Fuchses befreit und werde hinter dem Berge wohnen.“

Diop: Eine interessante Geschichte, aber eigentlich verstehe ich gar nichts.

WW: Die Quintessenz in diesem Beispiel ist die Frage: „Bleibt ein vollkommen Erleuchteter an das Gesetz von Ursache und Wirkung gebunden oder nicht?“

Diop: Der Zen-Priester sagte, dass er nicht an das Gesetz gebunden ist. Meint er damit das Karma?

WW: Ja. Er war der Meinung, dass einer, der die absolute Freiheit erreicht hat, nicht an das Gesetz von Karma gebunden ist.

Diop: Aber ist dem nicht so?

WW: Genau das ist die Falle. Sage ich ja, ist es falsch, sage ich nein, ist es auch falsch.

Diop: Aber warum?

WW: Weil es nur ein Standpunkt ist.

Diop: Und wie entrinne ich dieser Misere?

WW: Es geht darum, einen Nicht-Standpunkt einzunehmen, einen Standpunkt also, der beide Ebenen überschreitet. Diesen Standpunkt kann ich natürlich niemals willentlich einnehmen. Es geschieht einfach auf einer Ebene der Nicht-Dualität und genau auf dieser Ebene antwortet der Meister: „Das Gesetz kann nicht verdunkelt werden.“

Diop: Was bedeutet das?

WW: Das Gesetz vom Karma ist einfach das Gesetz vom Karma. Ich will damit sagen: Unsere Wesensnatur leuchtet auch im Karma auf. Die Form lebt und stirbt. Leerheit ist ohne Gegensätze und an nichts gebunden. Die Integration von Form und Leerheit drückt sich in der Erfahrung aus: „Das Gesetz kann nicht verdunkelt werden.“

Diop: Das ist sehr schwer zu verstehen.

WW: Der Intellekt kann das nie ausdrücken. Verstehen kann man das nie, denn der Verstand setzt uns immer Grenzen. Trotzdem geht es im Zen darum, das Karma zu überwinden. Aber wenn jemand das Karma überwunden hat und sagt, es gibt kein Karma mehr, fällt er im gleichen Augenblick wieder auf die Ebene des Karma, also auf die Ebene von Ursache und Wirkung zurück. Robert Aitken, ein Zen-Meister dieser Zeit, drückt es so aus: „Jeder von uns befindet sich mit jedem beliebigen Geschehen des jeweiligen Augenblicks in einem Zustand der Interaktion. Alle Phänomene der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind in diese Interaktion eingewoben, und jede einzelne Tat ist eine schöpferische Selbstoffenbarung des ganzen Universums. Die Befreiung von Karma ist nicht eine wundersame Auslöschung der Vergangenheit, sondern vielmehr die Freiheit, auf vergangene Geschehnisse nicht blindlings reagieren zu müssen.“

Diop: Geht die Geschichte des alten Mönches noch weiter?

WW: Ja. Der alte Mönch bat den Meister: „Vollzieht meine Beerdigung nach dem Ritus für einen dahingeschiedenen Mönch“. Daraufhin befahl der Meister dem Ino, mit dem Hammer den hölzernen Amboss zu schlagen und den Mönchen zu verkünden, dass nach dem Essen eine Beerdigung für einen verstorbenen Mönch stattfindet.

Diop: Was ist ein Ino?

WW: In einem Zen-Kloster ist Ino der Mönch, der für die Regeln, Anordnungen und die Registratur der Mönche verantwortlich ist. Zur Ankündigung wichtiger Dinge wurde damals eine Art hölzerner Amboss benutzt. Als dies geschah, fragten die Mönche des Klosters verwundert: „Sind nicht alle gesund? Es ist doch niemand krank. Was soll das alles?“ Nach der Mahlzeit führte der Meister die Mönche hinter den Berg zum Fuß eines Felsens und holte mit seinem Stock den Körper eines toten Fuchses hervor. Darauf vollzog er die Zeremonie der Feuerbestattung.
Am Abend bestieg der Meister den erhobenen Sitz in der Halle und erzählte den Mönchen die ganze Geschichte. Da fragte Obaku: „Der Greis erhielt wegen eines falschen Kehrwortes die Strafe, fünfhundertmal in einem Fuchsleib wiedergeboren zu werden. Angenommen, er hätte mit seinen Antworten niemals einen Fehler begangen, was wäre dann geschehen?“

Diop: Das ist eine gute Frage.

WW: Ja. Sicher will er seinen Meister aufs Glatteis führen. Doch der Meister sagt: „Komm näher heran zu mir, und ich will es dir sagen.“ Obaku näherte sich dem Meister und schlug ihm ins Gesicht.

Diop: Ich hätte damit gerechnet, dass der Meister jetzt Obaku schlagen würde, wie das so oft in den Koans geschieht.

WW: Im Zen kommt es immer anders, als man denkt. Der Meister klatschte in die Hände und sagte mit lautem Lachen: „Ich dachte, nur der Bart des einen Barbaren sei rot, aber hier ist noch ein rotbärtiger Barbar.“

Diop: Was meint der Meister mit diesem Ausspruch?

WW: Das ist ein sehr großes Kompliment, das der Meister Obaku macht. Mit Barbar könnte Bodhidharma gemeint sein, der das Zen von Indien nach China brachte. Ich bin jedoch der Ansicht, er meint damit die Erleuchtungserfahrung. „Hier ist noch einer, der weiß, worum es geht“, könnte das heißen.

Diop: Im Zen geht es oft sehr brutal zu. Da wird geschlagen und geprügelt oder ein Fuß wird gebrochen. Steht das nicht im Widerspruch zu allem Moralischen?

WW: Die Frage ist sicher berechtigt. Aber hinter jeder vermeintlichen Brutalität steht eine grenzenlose Liebe, die nur darauf abzielt, den Menschen in die Ur-Wirklichkeit zu stoßen. Hinter jedem Schlag oder Stoß steht das Erkennen des Meisters, dass der Schüler genau in diesem Augenblick reif ist, den Durchbruch zu erfahren. Er muss diese Ur-Wirklichkeit nur noch spüren, um sie ganz zu realisieren. Worte könnten das nie erreichen.

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