Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 73


Überschäumende Dynamik

Diop: Gibt es eigentlich ein Koan, das von diesem neuen Leben spricht?

WW: Ja. Ein Mönch fragte Sozan: „Wenn jemand seine Trauerkleider ablegt, was ist dann?“ „Heute hat Sozan seine Sohnespflicht erfüllt“, antwortete Sozan. „Was ist, wenn du deine Sohnespflicht erfüllt hast?“, fragte der Mönch. „Sozan betrinkt sich gern“, sagte Sozan.

Diop: Wissen Sie etwas über diesen Sozan?

WW: Sozan lebte von 840 bis 901. Er war Zen-Meister in China und Dharmanachfolger von Tozan. Zusammen mit seinem Meister Tozan, dem neununddreißigsten Zen-Patriarchen, gründete er die Soto-Schule des Zen. Das Wort „Soto“ geht zurück auf die zwei ersten Silben der beiden Sozan und Tozan. Die Soto-Schule ist neben der Rinzai-Schule eine der bedeutenden Zen-Schulen. In der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts wurde die Tradition der Soto-Schule durch den japanischen Meister Dogen von China nach Japan übertragen. Während das Ziel der Schulung in beiden Schulen im Wesentlichen dasselbe ist, unterscheiden sich Soto- und Rinzai-Zen aber in der Art und Weise der Schulung. Im Soto-Zen wird die Praxis des Shikantaza, also des reinen Sitzens betont, während im Rinzai-Zen die Koan-Praxis stärker überwiegt. Wir begegnen Meister Sozan auch im zehnten Koan des Mumonkan.

Diop: Wie lautet das?

WW: Der Mönch Seizei fragte Meister Sozan in allem Ernst: „Ich, Seizei, bin einsam und arm. Ich bitte Euch, Meister, helft mir, weiterzukommen.“ Sozan sagte: „Ehrwürdiger Zei!“ „Ja, Meister“, antwortete Zei. San sagte: „Drei Schalen von dem guten Hakka-Wein hast du schon getrunken. Und dennoch sagst du, deine Lippen seien noch nicht angefeuchtet.“

Diop: Wie kam Sozan zum Zen?

WW: Sozan, der in seiner Jugend die konfuzianischen Klassiker studiert hatte, verließ sein Zuhause mit neunzehn Jahren und wurde buddhistischer Mönch. Von seinem Kloster aus besuchte er häufig die Vorträge Tozans. Eines Tages kam es zum Gespräch zwischen beiden. Tozan fragte: „Wohin gehst du?“ Sozan sagte: „Dorthin, wo es keine Veränderung gibt.“ Tozan sagte: „Wie kannst du dort hingehen, wo es keine Veränderung gibt?“ Sozan sagte: „Mein Gehen ist keine Veränderung.“
Ein weiteres Gespräch Sozans bezieht sich auf den Gesang des zweiten Koan im Hekiganroku, der folgendermaßen lautet: „Höchster Weg, gar nicht schwer! Worte treffen’s, Rede trifft. Eins hat Arten vielerlei. Zweie gibt nicht beiderlei. Enden des Himmels: Sonne geht auf, Mond geht unter. Vor dem Geländer: tief die Bergwelt, kalt die Gewässer. Dem Totenschädel schwanden die Sinne; wie soll ihm Freude erstehn? Im morschen Baum ein Drachengesang: noch ist er nicht verdorrt. Schwer, ja schwer! Wählerisch wählen? Wolkenlos klar? Freund, sieh selber zu!“
Auf diesen Gesang bezogen fragt ein Mönch den Sozan: „Was bedeutet das Drachengesumme im morschen Baum?“ Sozan gab zur Antwort: „Dem sind die Blutadern nicht durchgeschnitten.“ Der Mönch fragte weiter: „Was ist es um einen Totenschädel mit Augäpfeln darin?“ Darauf Sozan: „Der ist noch nicht ganz dürr.“ Der Mönch fragt weiter: „Welcher Mensch hat denn schon das Drachengesumme im morschen Baum gehört?“ Sozan sagte: „Auf der weiten Erde ist nicht einer, der’s nicht hörte.“ Da sagte der Mönch: „Nun möchte ich nur wissen: ‚In welchem Kapitel steht eigentlich dieses Wort vom Drachengesumme?’“ Da erwiderte Sozan: „Ich weiß nicht, in welchem Kapitel das steht. Die es hören, müssen alle daran sterben.“

Diop: Ich möchte wieder auf das Koan zurückkommen. Ein Mönch fragt Sozan: „Wenn jemand seine Trauerkleider ablegt, was ist dann?“

WW: „Heute hat Sozan seine Sohnespflicht erfüllt“, antwortete Sozan. Der Mönch fragt nach einer anscheinend alltäglichen Situation. Vater und Mutter sind gestorben. Die Zeit der Trauer ist vorbei, die Trauerkleider sind abgelegt, ich bin zur Wesensnatur erwacht, wie soll es weitergehen?

Diop: Der Mönch fragt nach der Zukunft: „Was ist dann?“

WW: „Heute hat Sozan seine Sohnespflicht erfüllt“, antwortete Sozan. „Heute“ bedeutet, Verwirklichung ist immer jetzt.

Diop: Das sind zwei Ebenen, auf denen dieses Gespräch stattfindet.

WW: Ja. Der Mönch richtet seine hypothetische Frage auf die Zukunft, und Sozan beantwortet sie mit dem Herzen der Gegenwart, die nur ihn ganz allein betrifft: „Heute hat Sozan seine Sohnespflicht erfüllt“, bedeutet: Das ist das Mindeste, was ich tun kann, ich kann nicht anders.

Diop: Sicherlich meint der Mönch nicht die alltägliche Situation des Sterbens, sondern das neue Leben, das sich nach dem gewöhnlichen Leben vor uns auftut. Wie wird es sein?

WW: Ja. Sozan zeigt dem Mönch sofort dieses Leben im Augenblick, diese einzige Realität: „Sozan hat seine Sohnespflicht erfüllt“, das heißt: Ich kümmere mich nur um den Augenblick. Darin gibt es keine Vergangenheit und Zukunft mehr, denn der gegenwärtige Moment ist ein zeitloser Moment, ein Moment, der weder Vergangenheit noch Zukunft kennt, kein davor und danach, kein gestern und morgen. Dieser Augenblick ist jedoch nicht morgen zu finden oder in zehn Minuten. Dieser Augenblick ist immer jetzt.

Diop: Und trotzdem hat es den Anschein, als lebten nur wenige Menschen in dieser Gegenwart, in diesem zeitlosen Augenblick.

WW: Ich würde sagen, es ist ihnen nicht bewusst. Meister Eckehart sagt: „Die Zeit ist das, was das Licht hindert, zu uns zu dringen. Es gibt kein größeres Hindernis für Gott als die Zeit.“ Und der moslemische Mystiker Rumi sagt uns: „Der Sufi ist ein Sohn des Augenblicks.“

Diop: Ich glaube, wir verschwenden oft unsere Kräfte in Phantasien, Erinnerungen und Erwartungen und berauben uns damit der lebendigen Gegenwart und ihrer Realität. Viele Menschen sind unfähig, im Jetzt zu leben, deshalb vertrauen sie oft mehr der Zukunft, die etwas bringen könnte, was in der unbefriedigenden Gegenwart nicht möglich zu sein scheint.

WW: Ja. Alle unsere Probleme kreisen entweder um Vergangenheit oder Zukunft. „Was ist dann?“ Schuldgefühle sind immer mit Vergangenheit verbunden. Dahinter stecken oft frühere Handlungen, deren Konsequenzen wir befürchten. Ken Wilber, der heutige Einstein der Bewusstseinsforschung sagt uns: „Alle Schuldgefühle sind ein Zustand des Verlorenseins in der Vergangenheit, jede Angst ist ein Zustand des Verlorenseins in der Zukunft.“ Die Zeit jedoch und alle damit verbundenen Probleme sind eine große Täuschung. Es gibt keine Zeit außer dem Jetzt. Das einzige, was wir wirklich erleben können, ist die ewige Gegenwart. Erwin Schrödinger, Nobelpreisträger und Mitbegründer der modernen Quantenmechanik hat einmal gesagt: „Unmöglich kann die Einheit, dieses Erkennen, Fühlen und Wollen, das du deine nennst, vor nicht allzulanger Zeit in einem angebbaren Augenblick aus dem Nichts entsprungen sein; vielmehr ist dieses Erkennen, Fühlen und Wollen wesentlich ewig und unveränderlich und ist numerisch nur eines in allen Menschen, ja in allen fühlenden Wesen. So unbegreiflich es der gemeinen Vernunft erscheint: Du – und ebenso jedes andere bewusste Wesen für sich genommen – bist alles in allem. Darum ist dieses dein Leben, das du lebst, auch nicht ein Stück nur des Weltgeschehens, sondern in einem ganz bestimmten Sinn das Ganze. Nur ist dieses Ganze nicht so beschaffen, dass es sich mit einem Blick überschauen lässt. – Das ist es bekanntlich, was die Brahmanen ausdrücken mit der heiligen, mystischen und doch eigentlich so einfachen Formel „tat twam asi“, „das bist du“. Oder auch mit Worten wie: Ich bin im Osten und im Westen, bin unten und bin oben, ich bin diese ganze Welt. So magst du dich hinwerfen auf die Erde, flach angedrückt an ihren Mutterboden in der gewissen Überzeugung: Du bist eins mit ihr und sie mit dir. Du bist so festgegründet und unverletzlich wie sie, ja tausendmal fester und unverletzlicher. So sicher sie dich morgen verschlingen wird, so sicher wird sie dich neu gebären zu neuem Streben und Leiden. Und nicht bloß dereinst; jetzt, heute, täglich gebiert sie dich, nicht einmal, sondern tausend- und abertausendmal, wie sie dich täglich tausendmal verschlingt. Denn es ist ewig und immer nur jetzt, dieses eine und selbe Jetzt, die Gegenwart ist das einzige, das nie ein Ende nimmt.“
Wir dürfen also ruhig unsere Trauerkleidung ausziehen und uns auf das einstellen, was jetzt ist, damit auch wir sagen können: „Ich habe meine Sohnespflicht erfüllt.“ Wir sollten uns nicht immer nur auf die Zehenspitzen stellen, um in die Zukunft zu schauen!

Diop: „Was ist“, fragt der Mönch weiter, „wenn du deine Sohnespflicht erfüllt hast?“

WW: Was ist, wenn dieses Begrenztsein durch die Zeit aufgehoben ist?

Diop: „Sozan betrinkt sich gern“, sagte Sozan.

WW: Dann bleibt einfach nur Trinken übrig, der Augenblick, die ewige Gegenwart. „Sozan betrinkt sich gern“ bedeutet nicht, dass er Alkoholiker ist. Gemeint ist vielmehr ein ekstatisches Trinken, ein Aufsaugen dieser Ur-Wirklichkeit, eine Explosion des Augenblicks in diesem Tun, ein Überschwang der Dynamik. Alle Grenzen sind aufgebrochen und die Handlung des Trinkens wird gleichsam zu einem Ritual, zu einer Feier der höchsten Wirklichkeit. In diesem Zustand ist unsere vermeintliche Individualität aufgelöst und geht ein in ein grenzenloses Sein. Dies erscheint uns als der klarste Zustand, in dem selbst der Tod seinen Stachel verloren hat. Wir werden uns unseres ewigen Lebens bewusst. In diesem Bewusstsein der All-Einheit zu leben, bedeutet, im zeitlosen Augenblick zu leben, wofür es keine allgemeinen Worte mehr gibt, es sei denn, ganz konkret gesagt: „Sozan betrinkt sich gern.“ Der dazugehörige Vers unterstreicht dies noch.

Diop: Wie lautet der?

WW: „Nachdem er freiweg Kindespflicht erfüllte, kann er dem Frühling begegnen. Betrunken herumgehend, verrückt singend mit herunterhängendem Turban, im Passgang mit zerzaustem Haar, wer sorgt sich? – In großem Frieden, ohne Sorgen, ein umfallender, betrunkener Mann.“

Diop: Ein Mann ohne Eigenschaften.

WW: Ja.

Diop: Langsam begreife ich, was mit diesem eigenschaftslosen Ursprung gemeint ist.

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