Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 70


Kein ober, kein unten

WW: Meister Shinzan fragte Meister Shuzan: „Du weißt genau, dass es zum Wesen des Lebens gehört, nicht geboren zu werden. Warum hängst du immer noch am Leben?“ „Der Bambusschössling muss zum Bambus werden. Ich bin noch ein Bambusschössling. Du kannst keine Bambusschnur aus mir drehen“, antwortete Shuzan. Shinzan sagte: „Du wirst es später selbst erfahren.“ „Ich sehe es so, wie ich eben sagte. Wie siehst du es?“, fragte Shuzan. „Dies ist die Halle, das ist die Küche“, sagte Shinzan. Shuzan verneigte sich.

Diop: Ist das der gleiche Shuzan, der die Frage nach Buddha beantwortet: „Die neuvermählte Braut reitet auf einem Esel. Der Schwiegervater führt ihn am Zügel.“

WW: Ja. Meister Shinzan fragte Meister Shuzan: „Du weißt genau, dass es zum Wesen des Lebens gehört, nicht geboren zu werden. Warum hängst du immer noch am Leben?“ Shinzan wirft den Köder aus. Er will sagen: Warum hängst du noch an der Form? Du weißt doch genau, dass wir nicht diese Form sind.

Diop: Was bedeutet es, nicht geboren zu werden?

WW: Lassen Sie mich ein wenig ausholen. Wenn wir die Geschichte des menschlichen Bewusstseins betrachten, dann ist die treibende Kraft zur Weiterentwicklung immer das Verdrängen des Todes. Sobald wir uns unserer selbst bewusst waren, entdeckten wir auch unsere Endlichkeit, und wir setzten unseren ganzen Erfindungsreichtum daran, den Tod zu verdrängen. Geburt und Tod gehören in den Bereich des Ich, das uns eine gewisse Zeitdauer vorgaukelt. Wir stellen uns vor, dass sich unser Leben zum Tod hin entwickelt. Für die meisten Menschen ist der Tod ein Zustand von „ohne Zukunft sein“. Offensichtlich hat also etwas, das stirbt, keine Zukunft. Leugnet jedoch der Mensch den Tod, dann hat er eine Zukunft, dann hat er „Zeit“. Den Tod leugnen heißt also, eine Zukunft haben. Das war in der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins die Geburtsstunde des Zeitempfindens. Der Mensch hat die Zeit für sich entdeckt.

Diop: Um den Tod zu vermeiden, stellt sich der Mensch sein Ich als ein Wesen vor, das in der Zeit voranschreitet.

WW: Ja. Denn er möchte sich ja auch morgen noch antreffen. So nimmt er den Kampf gegen den Tod auf in Form einer überwiegenden Beschäftigung mit der Vergangenheit und der Zukunft. Zeit wird für den Menschen zum Ersatz für die Ewigkeit. Sie erlaubt ihm die Illusion, weiter, weiter und immer weiter leben zu können. Solange es ein seperates Ich gibt, braucht es die Zeit. Und es braucht die Verheißung, dass der Tod heute noch nicht anklopfen wird.

Diop: Unser Leben und unser Bewusstsein entwickelte sich aus dem prähistorischen Schlummer vom Menschen als Jäger und Sammler, der nur auf die Befriedigung des Tagesbedarfs eingestellt war, hin zum Ackerbauer, der imstande war, seine Handlungen auf zukünftige Ziele auszurichten.

WW: Aber unsere Entwicklung geht weiter, und deshalb müssen wir uns aus dem mentalen Ego-Bewusstsein befreien und in das mystische Bewusstsein eintreten.
Unsere wahre Natur ist frei von Geburt und Tod, d.h., unser tiefstes Wesen ist ungeboren und unsterblich. „Du weißt genau, dass es zum Wesen des Lebens gehört, nicht geboren zu werden. Warum hängst du immer noch am Leben?“, heißt es im Koan.

Diop: Dieser Satz hat etwas sehr Tröstliches an sich.

WW: Ja. Leben kann nicht sterben. Meister Eckehart drückt dies in einer seiner Predigten so aus: „Dass er mich Gottes quitt mache, darum bitte ich Gott, denn mein wesentliches Sein ist oberhalb von Gott, sofern wir Gott als Beginn der Kreaturen verstehen. Denn in demselben Sein Gottes, in dem Gott über allem Dasein und über aller Unterschiedenheit steht, da war ich selbst, da wollte ich mich selbst, und da erkannte ich mich selbst, diesen Menschen zu schaffen. Darum bin ich meinem Sein nach, welches ewig ist, Ursache meiner selbst, nicht aber aufgrund dessen, was ich erst geworden bin, denn das ist zeitlich. Und darum bin ich ungeboren, und darum kann ich niemals sterben. Aufgrund meines Ungeborenseins bin ich ewig gewesen und bin jetzt und werde ewig bleiben.“

Diop: Sie wollen sagen, es ist nur unser Ich-Bewusstsein, das die Dauer sucht, und dies beinhaltet Geborenwerden und Sterben?

WW: Ja. Huang-po sagt: „Wo nichts gesucht wird, ist der ungeborene Geist gegenwärtig. Wo keinerlei Anhaften besteht, ist der unzerstörbare Geist vorhanden. Was weder geboren ist noch zerstört wird, ist Buddha.“

Diop: Shuzan antwortete: „Der Bambusschössling muss zum Bambus werden. Ich bin noch ein Bambusschößling. Du kannst keine Bambusschnur aus mir drehen“. Können Sie das ein wenig erläutern?

WW: Unser ursprünglicher Geist, der jeden Gegensatz überschreitet, ist wie ein Bambus, eine Blume oder ein Hund, also das Viele im Einen. Trotzdem kann man ihn nicht benennen oder ihn durch Worte finden. Alles in der ganzen Welt ist miteinander verwandt und kann nicht von der Zeit getrennt werden. „Ich bin“ ist meine eigene, wahre Zeit. Die Zeit jedoch von heute bis morgen oder von gestern zu heute hat nie stattgefunden, denn es wäre eine Trennung von Zeit und mir. Shuzan benützt das Bild des Bambus. Aus dem saftigen Bambusschössling lässt sich keine Schnur drehen. Das geht nur aus dem trockenen ausgewachsenen Bambus. Shuzan ist der Meinung, wir müssten erst zu etwas werden. Der Bambusschössling ist Symbol für unsere Entwicklung. Aber in der ersten Wirklichkeit gibt es keinen Unterschied zwischen gewöhnlichen Menschen und Buddhas. Der Bambusschössling besitzt seine Erleuchtung im Bambusschössling, der alte Bambus hat seine Erleuchtung im alten Bambus.

Diop: Shinzan sagte: „Du wirst es später selbst erfahren.“ Das hört sich ein wenig nach großväterlichem Rat an.

WW: Unsere Wesensnatur offenbart sich in den Wurzeln genauso wie im alten Bambus. In jedem Bambus existiert die vollständige Wesensnatur. Sie kennt kein alt oder jung, kein kurz oder lang. Shinzan sagte: „Du wirst es später selbst erfahren.“ Lass dir Zeit, du kannst es nicht erzwingen, will Shinzan sagen.

Diop: Aber das Koan geht noch weiter.

WW: „Ich sehe es so, wie ich eben sagte. Wie siehst du es?“, fragte Shuzan. „Dies ist die Halle, das ist die Küche“, sagte Shinzan. Die Halle ist die Halle, die Küche ist die Küche. Alles hat seinen Platz im Leben und offenbart ES vollkommen. Wir können aus dem vertrockneten Bambus keinen Saft herauspressen und aus einem Bambussprössling keine Schnur gewinnen. Trotzdem ist der Bambussprössling wie auch der alte Bambus in sich vollkommen. Wir können nichts hinzufügen. Es ist, wie es ist. Unser Ich ist es, das es immer anders haben will. Aber die Welt ist, so, wie sie ist, vollkommen, auch wenn uns unser Denken etwas anderes vorgaukelt.

Diop: Sie sagten einmal, unsere Aufgabe ist es, die leere Leinwand zu erfahren und nicht an den projizierten Bildern hängenzubleiben.

WW: Ja. Transzendenz bedeutet Loslösung vom Bambusschössling und vom alten Bambus, von richtig und falsch, von jeglicher Dualität.

Diop: Shuzan verneigte sich daraufhin.

WW: Ja. Dem kann nichts hinzugefügt werden. Die letzten Zeilen im Vers heißen: „Alleine auf der Erde stehend, gibt es keinen ausgetretenen Pfad“.

Diop: Und auf unsere Übung bezogen?

WW: Unsere Übung sollte darin bestehen, Nicht-Übung zu sein, d.h. nichts festzuhalten, heiter und ungehindert. Unsere wahre Heimat ist nicht irgendwo, sondern hier. Bambusschössling und Bambusstamm, Zen-Schüler und Zen-Meister sind verschieden und doch gleich. Es regnet, die Sonne scheint. Was ist daran richtig, was ist daran falsch? Alles ist neu, noch nie dagewesen, Augenblick für Augenblick eine Welt-Uraufführung.

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