Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 68


Verschiedene Fähigkeiten

Diop: Sie haben beim letzten Mal den Vers zum Koan zitiert: „Kleinste Teilchen brechen auseinander und haben kein Inneres.“ Wie steht es aber dann mit unseren Sinnesorganen, mit unserem Hören, Sehen usw.?

WW: Die Antwort darauf gibt uns Meister Kassan. Ein Mönch fragte den Kassan: „Was ist, wenn man den Staub wegfegt und den Buddha sieht?“ „Du musst dein Schwert schwingen. Er meint damit, du musst in die Dynamik gehen. Wenn du nicht dein Schwert schwingst, wirst du wie ein Fischer sein, der im Schilf feststeckt und keinen einzigen Fisch fangen kann“, antwortete Kassan. Wenn du nicht in der Dynamik bist, wird die Form in der Leerheit feststecken und ohne Dynamik sein. Der Mönch sprach mit Sekiso darüber und fragte diesen: „Was ist, wenn man den Staub wegfegt und den Buddha sieht?“ „Er hat keine Heimat. Dynamik ohne Wissen hat keinen Ort, ist leer, ohne Subjekt und Objekt, ohne Wissen um das Absolute. Wo kann man ihn dann treffen?“, entgegnete Sekiso. Der Mönch erzählte dies dem Kassan. Kassan ging auf das Podium und sagte: „Wenn es um praktische Mittel geht, ist Sekiso mir unterlegen, aber im Reden über die tiefste Wirklichkeit steht er hundert Stufen über mir.“

Diop: Wer ist dieser Kassan?

WW: In diesem Beispiel ist die Rede von Kassan Zen-e, der von 805 bis 881 in China lebte. Über ihn ist nur wenig bekannt, nur eine kleine Vorgeschichte: Nach langer Zeit verließ der Priester Tokujo seinen Meister Yakusan, dem er dreißig Jahre lang gedient hatte, und ging auf ein Boot, um am Fluß zu leben. Der sich ganz der stillen Betrachtung hingebende Mann fuhr mit seinem Wohnboot auf den Wasserwegen des Katei-Flusses hin und her und bediente die Fahrgäste. Beim Volk hieß er darum der „Bootsmann“ und wurde sehr verehrt. Nun sollte er der Nachfolger Yakusans werden. Er hielt sich jedoch für ungeeignet und bat zwei Mönche, ihm doch einmal einen Schüler zu schicken, den er dann prüfen und bestätigen würde, um dem Wunsch des Meisters nachzukommen. So kam Kassan zu ihm. Tokujo sagte zu ihm: „Ein Einzelsatz, zum Losungswort erhoben, wird dir zum Eselspflock auf zehntausend Äonen; was hast du davon denn für einen Nutzen?“ Bei diesen Worten erfuhr Kassan die große Erleuchtung. Kassan wurde sein Schüler und lebte mit ihm auf dem Boot. So ist die im Koan angesprochene Stelle vom Wasser, den Fischern und dem Schilf verständlich, da er mit ihnen ständig konfrontiert wurde. Später wohnte Kassan in einem sehr einsamen Kloster, inmitten von Felsen und Schluchten. Eines Tages wurde Kassan von einem Mönch gefragt: „Wie sind denn die äußeren Umstände auf dem Berg, wo du wohnst?“ Kassan erwiderte: „Affen verziehn sich, das Junge im Arm, hinter die grünenden Hänge. Vögel stürzen sich, Blumen im Schnabel, vor die smaragdene Felswand.“ Aus diesem Gedicht hat die Koan-Sammlung Hekiganroku ihren Namen: Samragdene Felswand. Von Kassan stammen auch die Worte: „Es gibt kein Leben und Tod, wenn Buddha innerhalb von Leben und Tod ist“ und „Wenn wir auf das Verständnis der Lebewesen hören, entsteht Unterscheidung in unserem Bewusstsein. Es ist so, wie wenn Schönheit sich direkt vor unseren Augen allmählich in Hässlichkeit verwandelt.“ Einmal fragte ein Mönch Kassan: „Was ist der Wahrheitsleib?“ Kassan antwortete: „Der Wahrheitsleib ist ohne Merkmal.“ Der Mönch fragte weiter: „Und was ist das Wahrheitsauge?“ Kassan erwiderte: „Das Wahrheitsauge ist von Makel frei.“ Wenden wir uns aber nun wieder dem Koan zu: Ein Mönch fragte den Kassan: „Was ist, wenn man den Staub wegfegt und den Buddha sieht?“

Diop: Was meint der Mönch damit?

WW: Der Buddhismus unterscheidet sechs „Wurzeln“ der Wahrnehmung: Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack, Körpergefühl und die diese fünf begleitende Wahrnehmung. Diesen sechs „Wurzeln“ entsprechen das Gesehene, das Gehörte, das Gerochene, das Geschmeckte, das Gefühlte und das Wahrgenommene. Sie sind es, die die reine, unterschiedslose Leere, die wahre Wirklichkeit verdecken, und darum werden sie „Staub“ genannt. Sie bilden die sechs Elemente des Bewusstseins, an welche sich unser Ich-Bewusstsein heftet. Deshalb spricht man von den „sechs Wurzeln“ des Bewusstseins. Diesen „sechs Wurzeln“ entsprechen die „sechs Arten Staub“. Aus diesen Wahrnehmungen setzt sich unser Bewusstsein zusammen, unser vermeintliches Ich.

Diop: Aber es heißt doch in den vier Großen Gelübden: „Unzählbar sind die Tore der Wahrheit, ich gelobe, sie zu durchschreiten. Damit sind doch unsere Sinnesorgane gemeint, oder nicht?

WW: Das ist richtig. Bodhidharma sagt: „Vom Staub der Sinneswahrnehmungen ungetrübt zu bleiben ist das Hüten des Dharma.“ Das bedeutet, sich gedanklich nicht hineinziehen zu lassen. Und weiterhin sagt er: „Keine neuen Täuschungen schaffen ist Erleuchtung. Im Herzen keine Unterscheidungen machen, das ist das andere Ufer.“ Gewöhnliche ich-befangene Menschen leben am diesseitigen Ufer der Leiden. Mit der Erfahrung der Leerheit erreichen wir das jenseitige Ufer. Transzendierung bedeutet beide Ufer zu verlassen, zu transzendieren und in Übereinklang zu bringen. Bodhidharma sagt: „Wer dieses Ufer als etwas anderes denn jenes Ufer betrachtet, versteht Zen nicht.“ Er will damit ausdrücken, dass diese beiden Ufer zwar nicht gleich sind, aber auch nicht voneinander getrennt. Nur im Zustand der Verblendung gibt es eine Welt, der wir entfliehen wollen. Aber es gibt keinen Grund zu fliehen. Im Licht des unparteiischen Dharma ist alles einfach nur reines Sosein. Yoka Gengaku schrieb in seinem „Gesang vom Erleben des WEGES.“ „Geist ist des Bewusstseins Wurzel, alles Dingliche ist Staub. Beide gleichen Fleckenspuren auf des Spiegels reinem Rund.“

Diop: Es geht also im Zen gleichermaßen um die Integration sowohl des Geistes wie auch alles Dinglichen.

WW: Ja. Zen-Meister Shibayama sagt: „Wenn kein Staub im Auge ist, sollte es nichts im Universum geben, was die Sicht behindert.“

Diop: Sich in der Ur-Wirklichkeit befinden bedeutet also „fern von allem Staub“ sein?

WW: Ja. Dann gibt es einfach nur Schreiben, Lachen, Staubsaugen, Abspülen, Fröhlichsein, aber niemanden, der daran festklebt. Schilf oder Gras bedeutet im Zen immer vorgefasste Meinungen, Konzepte, Intellekt, Verstand, usw..

Diop: Der Fischer, der im Schilf steckenbleibt, bedeutet also: Wir werden in unserem Denken und in unseren vorgefassten Meinungen immer steckenbleiben und keinen Augenblick erleben, wie er wirklich ist.

WW: Ja. Wir werden im Dualismus zwischen richtig und falsch, gut und böse gefangen sein, und es wird kein Entrinnen für uns geben. Wir müssen das Schwert der transzendenten Weisheit schwingen und den Dualismus in Stücke schlagen. Dieses Schwert wird sich für uns als ein sehr kostbares Schwert erweisen, denn das Leben entsteht in jedem Augenblick vollkommen neu. Im Vers des ersten Koan aus dem Mumonkan heißt es: „Sein Auge ist eine Sternschnuppe, sein Handeln wie ein Blitz. Ein Schwert, das Menschen tötet, ein Schwert, das Menschen Leben schenkt.“ Wir dürfen diese Worte jedoch nicht falsch verstehen. Es geht nicht darum, Menschen zu töten im wörtlichen Sinn, sondern darum, ihnen ihre vorgefassten Meinungen und Ansichten, ihr beurteilendes Denken zu nehmen, um ihnen zu helfen, in das wirkliche Leben einzutauchen, in das neue Leben.
Einst wurde Huang-po von einem Schüler gefragt: „Was bedeutet das Schwert wirklich?“ Huang-po erwiderte: „Es steht für das Begreifen des Geistes.“ Der Schüler fragte weiter: „So ist das Schwert, das die Vorstellung eines greifbaren Buddhas zerstört, das Begreifen des Geistes. Wenn wir mit solcher Hilfe diese Vorstellungen vernichten können, wie vollzieht sich dann tatsächlich diese Vernichtung?“ Huang-po: „Du musst die Weisheit, die aus dem Nicht-Dualismus stammt, gebrauchen, um dein Begriffe-bildendes dualistisches Denken zu vernichten.“ Schüler: „Angenommen, die Begriffe von etwas Vorstellbarem und von der Möglichkeit, Erleuchtung zu suchen, werden vernichtet, indem man das Schwert der nicht-unterscheidenden Weisheit zieht, wo ist dann dieses Schwert zu finden?“ Huang-po: „Da die nicht-unterscheidende Weisheit sowohl die Wahrnehmung als auch ihren Gegenstand vernichtet, muss sie auch dem Nicht-Wahrnehmbaren angehören.“ Schüler: „Wissen kann nicht benutzt werden, um Wissen zu zerstören, ein Schwert nicht, um ein Schwert zu zerstören.“ Huang-po: „Das Schwert zerstört tatsächlich das Schwert - sie zerstören sich gegenseitig -, und zurück bleibt das Nicht-Schwert, das du ergreifen musst. Wissen zerstört tatsächlich Wissen. Dieses Wissen macht jenes ungültig und zurück bleibt das Nicht-Wissen, das du erfassen musst. Es ist, als kämen Mutter und Sohn gemeinsam um.“ Das lebenraubende und lebensspendende Schwert ist in der Zen-Tradition oft auch Sinnbild für die Überwindung von Leben und Tod.

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