Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 66


Leerheit und Form

Diop: Manchmal wird Meditation durch die drei berühmten Affen dargestellt, die sich Augen, Ohren und Mund zuhalten, um auf diese Weise der Welt der Erscheinungen zu entgehen.

WW: Das ist richtig. Aber wahres Meditieren besteht nicht darin, Augen, Ohren und Mund zuzuhalten, sondern zu sehen ohne zu sehen, zu hören ohne zu hören, zu sprechen ohne zu sprechen, während gleichzeitig die Augen, die Ohren und der Mund ihre Aufgabe im Alltag erfüllen.

Diop: Was würden Sie sagen, was der gemeinsame Nenner aller Koans ist?

WW: Es geht dabei immer um Form und Leerheit und deren Integration in einer unerkannten Dynamik zu einer vollkommenen Einheit. Kyuho, ein chinesischer Zen-Meister aus dem neunten Jahrhundert, zeigt uns dies in wunderbarer Weise auf.
Ein Mönch fragte einmal Kyuho: „Was ist der Kopf?“ „Die Augen aufzuschlagen, ohne die Morgendämmerung wahrzunehmen“, antwortete Kyuho. Der Mönch fragte: „Was ist der Schwanz?“ „Nicht auf einem 10.000 Jahre alten Polster zu sitzen“, antwortete Kyuho. „Was ist ein Kopf ohne Schwanz?“, fragte der Mönch. Kyuho antwortete: „Das ist nicht gerade erhaben.“ „Was ist ein Schwanz ohne Kopf?“, fragte der Mönch. Kyuho antwortete: „Das Äußerste zu versuchen, jedoch ohne Kraft.“ „Was ist, wenn Kopf und Schwanz genau miteinander übereinstimmen?“, fragte der Mönch. Kyuho antwortete: „Den Nachkommen wird es wohlergehen, aber der eine im Raum wird es nicht erfahren.“ Was danach kommt, wird gut sein. Der eine aber wird es nicht wissen, weil er ohne Wissen in der zeitlosen Dynamik durch das Universum schreitet.

Diop: Kyuho spricht immer von Kopf und Schwanz. Was meint er damit?

WW: Mit Kopf meint er die Leerheit, mit Schwanz die Form. Das Koan ist nicht einfach und wer nicht vollkommen all sein Wissen und sein Unterscheiden ausgelöscht hat, kann weder über diesen Kopf noch über den Schwanz sprechen. Aber auch derjenige, dessen Geist ganz frei ist, kann nur in sehr beschränkter Weise darüber sprechen. So möchte ich ganz unbekümmert und spielerisch mit den Worten umgehen, um Ihnen dieses Koan zu erläutern.
Ein Mönch fragte den Kyuho: „Was ist der Kopf?“ „Die Augen aufzuschlagen, ohne die Morgendämmerung wahrzunehmen“, antwortete Kyuho.
Kyuho spricht mit dem Wort „Kopf“ die wunderbare Erfahrung der Leerheit an. Der Schüler erfährt, dass alles leer ist. Da ist nichts mehr. Er sieht zwar alles, aber in Wirklichkeit ist da nichts mehr. Kyuho spricht von Morgendämmerung, d.h., das ist erst der Anfang. Wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass das Wort „Anfang“ nicht intellektuell aufgefasst werden darf, also in Bezug auf ein Ende. Leerheit hat keinen Anfang und kein Ende, denn sie ist das, was wir wirklich sind, der Stoff, aus dem wir geschaffen sind, unsere Essenz gleichsam.
„Die Augen aufzuschlagen, ohne die Morgendämmerung wahrzunehmen“ könnte auch heißen: „Die Augen öffnen und die Dämmerung nicht berücksichtigen“. Das bedeutet, da ist kein Anfang oder ein Ende, sondern nur dieser eine Augenblick, an dem ich nicht hänge. Da sind nur diese gelb- orangeroten Farben, die sich ständig verändern und keinen Augenblick gleich bleiben. Alles fließt und zerfließt ohne Anfang und Ende, ohne vorher und ohne danach.
Einmal fragte ein Mönch Meister Kyuho: „Jeder spricht von der Rettung aller Lebewesen - was verwenden Sie, um Menschen zu retten?“ Kyuho antwortete: „Du meinst, einem Berg mangelt es an Masse?“ Der Mönch sagte: „Wenn es so ist, wonach sucht dann jeder im Land?“ Kyuho entgegnete: „Enynadatta vermisste ihren Kopf und wurde verrückt.“ Der Mönch sagte: „Gibt es jemanden, der nicht verrückt ist?“ Kyuho sagte: „Ja, den gibt es.“ Der Mönch sagte, „Wer ist dieser eine, der nicht verrückt ist?“ Kyuhu antwortete: „Dämmerung über der Straße, die Augen sind nicht geöffnet.“

Diop: Worauf bezieht sich Meister Kyuho, wenn er von Enyadatta spricht?

WW: Kyuho spricht hier die Geschichte von Enyadatta an, einer Frau, die eines Morgens nach einer durchzechten Nacht verschlafen aufwachte. Sie schaute gewöhnlich jeden Tag in den Spiegel, um sich selbst zu bewundern, denn sie war ziemlich eitel. Ihre Kinder hatten am Vor­abend beschlossen, ihr einen kleinen Streich zu spielen. Sie drehten Enyadattas Spiegel um, so dass sie an jenem Morgen ihr Spiegelbild nicht sehen konnte. Augenblicklich geriet Enyadatta in Panik, weil sie ihren Kopf nicht mehr finden konnte! Sie fing an zu schreien: „Wo ist mein Kopf? Wo ist mein Kopf?“ Sie suchte unter dem Bett, im Schrank, hinter der Kommode, im ganzen Haus, doch ohne Erfolg. Da rannte sie wie wahnsinnig aus dem Haus und versuchte, den Weg zurückzuverfolgen, den sie am Vorabend nach dem Trinkgelage genommen hatte. Dabei schrie sie unentwegt: „Wo ist mein Kopf?“ Schließlich entdeckte ihr Freund die wie irr herumlaufende Enyadatta und hielt sie fest. Er versuchte, ihr mit Argumenten beizukommen, und erzählte ihr immer wieder, dass sie ihren Kopf nicht verloren habe, sondern ihn immer noch auf den Schultern trage. Aber in ihrem verwirrten Geisteszustand konnte sie ihm weder glauben noch richtig verstehen, was er ihr zu erklären versuchte. Deshalb musste ihr Freund sie an einem Stuhl festbinden, damit sie nicht weiterhin umherrennen und sich selbst oder sonst jemanden verletzen konnte. Sie aber kreischte und schrie weiterhin und versuchte verzweifelt, ihre Fesseln abzuschütteln. Schließlich hing sie schwach und erschöpft auf ihrem Stuhl. Erst jetzt fing sie aus schierer Müdigkeit an, sich zu entspannen. Zwar hörte sie nun, was ihr Freund sagte, aber akzeptieren konnte sie es noch immer nicht. Aber immerhin überlegte sie: „Habe ich wirklich meinen Kopf verloren, oder habe ich mir nur etwas eingebildet?“ Genau in diesem Augenblick versetzte ihr Freund ihr einen Schlag ins Gesicht. Sie fasste sich an den Kopf und schrie vor Schmerz auf: „Au! Mein Kopf, mein Kopf - wer hat mir da am Kopf wehgetan?!“ Dann wunderte sie sich plötzlich: „Mein Kopf? Mein Kopf! Dann habe ich ja doch einen Kopf!“ In dieser Sekunde erkannte sie zweifelsfrei, dass sie tatsächlich einen Kopf hatte. Enyadatta war außer sich vor Freude. Sie schrie: „Schaut alle her, ich habe meinen Kopf gefunden! Was für ein Wunder!“ Als ihr Freund sie in diesem Zustand exaltierter Freude sah, beschloss er, sie noch so lange an den Stuhl gefesselt zu lassen, bis sie wieder zu Verstand kommen würde. Enyadatta begriff schließlich die Absurdität der ganzen Situa­tion. Sie verstand jetzt, dass sie ihren Kopf niemals verloren hatte. Sie kehrte nach Hause zurück, kümmerte sich um ihre Kinder und erledigte ihre Arbeit. Allerdings war sie jetzt nicht mehr so selbstzentriert wie zuvor. Dank dieser Erfahrung war sie nun weniger eitel als früher und auch nicht mehr so sehr mit sich selbst beschäftigt.

Diop: Was ist der Hintergrund dieser Geschichte?

WW: Die von Shakyamuni Buddha selbst erzählte Version dieser Geschichte ist im Lotos-Sutra enthalten und ist eines der trefflichsten Gleichnisse für das menschliche Leben.

Diop: Können Sie mir das genauer erklären?

WW: Die Phase, bevor Enyadatta in den Spiegel schaut, entspricht jener Lebenssituation, in der sich jeder von uns befindet, bevor wir anfangen, danach zu fragen, was uns fehlt. Wir sind alle sehr damit beschäftigt, nach Sicherheit und Glück zu suchen, eine gesellschaftliche Position, einen Namen, Ansehen zu erringen und nicht zuletzt möglichst großen Wohlstand anzuhäufen. Wir sind völlig mit uns selbst und der Oberfläche der Dinge beschäftigt, damit, wie die anderen uns sehen und was sie über uns denken. Aber irgendwann kommt ein Punkt, da stellen wir fest, dass irgendetwas fehlt. Wir empfinden unser Leben als leer. Und so beginnen wir, nach einem Sinn, einer Bedeutung unserer Existenz Ausschau zu halten.

Diop: Das kenne ich auch. Wir begeben uns auf die Suche nach der Wahrheit, rennen hierhin und dorthin und bemühen uns auf die eine oder an­dere Weise, ein besseres Leben zu führen, und hoffen so, auf unsere Fragen eine Antwort zu finden.

WW: Wir beginnen vielleicht aus eigenem Antrieb oder durch Anregung eines Freundes, hoffnungsvoll Zazen zu praktizieren. Anfangs fällt es uns sicher schwer, regungslos dazusitzen und unseren Geist zu beruhigen. Wir erleben eine Menge innerer Wider­stände und reichlich unangenehme Situationen, aber wenn wir ehrlich entschlossen sind, unseren Kopf zu finden, unser Wahres Wesen, dann führen wir die Sitzpraxis weiter. Obwohl wir ständig hören oder lesen, dass es uns an nichts fehlt, dass wir alle Buddha-Natur haben, können wir das nicht glauben und akzeptieren. Aber immerhin beginnen wir jetzt, die Lehre aufmerksamer zu hören. An diesem Punkt angekommen, vertrauen wir uns, dass wir tatsächlich die Fähig­keit haben, zu unserem Wahren Wesen erwachen zu können. Dieses Erwachen kann sich jeden Augenblick ein­stellen - durch einen Schlag ins Gesicht, das Kräch­zen eines Vogels oder einen Donnerschlag. In diesem Augen­blick - da wir uns selbst vergessen - wird uns unser Wahres Wesen offenbar. Nachdem wir unser Erwachen zu unserer Buddha-Natur jetzt mit großer Freude und Erregung erfahren haben, geraten wir in die Phase des „Zen-Gestanks“. Wir wol­len unsere Erfahrung mit jedermann teilen. Diese Phase kann viele Jahre dauern, bis es uns gelingt, die Vorstellung unserer Besonderheit von uns abfallen zu lassen. Denn genau wie Enyadatta ihren Kopf schon immer auf ihren Schultern getragen hat, waren wir noch nie ohne Buddha-Natur. Was ist also so Sensationelles daran, dass wir auf diesen Umstand endlich aufmerksam geworden sind? Wir müssen schließlich begreifen, dass alles Verblendung gewesen ist, so­wohl die Vorstellung, dass uns die Buddha-Natur fehlt, wie auch der Gedanke, wir hätten sie gefunden. Erst wenn es uns gelingt, unsere Fixierung auf unsere Er­weckung von uns abfallen zu lassen, kehren wir in unseren Normalzustand zurück und hören auf, nach etwas Ausschau zu halten, was uns besser oder vollständiger machen könnte; jetzt sind wir einfach wir selbst, tun, was wir tun müssen, und kümmern uns um das, was die jeweilige Situation erfordert. Wir sind jetzt nicht mehr so sehr mit uns selbst beschäftigt und nehmen bewusster wahr, was um uns herum geschieht. Wir sehen die Dinge, wie sie wirklich sind, und agieren und reagieren ungezwungen aus wahrem Mitgefühl und wahrer Weisheit. Genau wie in der Geschichte von Enyadatta müssen wir ver­zweifelt nach unserem Kopf suchen, um zu erkennen, dass wir ihn nie verloren haben. Mit großer Entschlossenheit werden wir unser Wahres Wesen sicher erkennen. Wenn wir uns jedoch zurückhalten, um uns auch nur ein wenig zu schützen, und sei es um Haaresbreite, dann werden wir es nie schaffen.

Diop: Warum haben im Laufe der Jahrhunderte nur so wenige Menschen Erleuchtung erlangt?

WW: Weil man dazu als erstes alle Verhaftungen an Körper und Geist abstreifen muss. Alle großen Meister, die den WEG gesucht haben, haben von sich selbst abgesehen und Körper und Geist fallen lassen. Das ist das Erste, was auch wir tun müssen: Körper und den Geist abstreifen.

Diop: Viele sagen: „Ich möchte noch ein paar Jahre damit warten; warum soll ich es schon jetzt tun? Es gibt noch so viele Dinge, die wichtiger sind.“

WW: Aber was, frage ich, verlieren wir, wenn wir Körper und Geist abstreifen? Absolut gar nichts, außer einer Menge von Vorstellungen, Vorlieben, Abneigungen, Hass- und Wutgefühlen, Eifersucht, Neid und Gier. An ihre Stelle treten Mitgefühl, bedingungslose Liebe und ein erfülltes Leben.

Diop: Zen sagt: Belasse die Dinge einfach, wie sie sind.

WW: Ja. Wenn wir Zen praktizieren, dann dürfen wir alles so lassen, wie es ist. Das ist das Schöne daran. Wenn wir Zazen praktizieren, belassen wir alles bei vollstem Bewusstsein so, wie es ist. Allerdings beschränkt sich Zazen nicht nur auf das Sitzen, sondern es geht um jeden Moment, in dem wir aufmerksam und offen sind - selbst in diesem Moment gerade jetzt. Wenn wir zulassen, dass alles so sein darf, wie es ist, dann ist das wahres Zazen. Wir dürfen alles zulassen, was in unserem Bewusstsein auftaucht, das Zwitschern der Vögel, die auf­gehende Sonne, der untergehende Mond, dahinziehende Wolken, bellende Hunde, jaulende Katzen. Wir sollten es vermeiden, ir­gendwelche Barrieren aufzubauen, z.B. das darf sein, das darf nicht sein.
Wenn wir sitzen, gibt es nur: wau wau! Es gibt da keinen Unterschied mehr zwi­schen mir und dem Hund, nur: wau wau! Kein Innen kein Außen, kein Ende und keinen Anfang, kein Kommen, kein Gehen, kein Abstand, keine Trennung. Aber was tun wir?

Diop: Wir platzieren das Geschehen augenblicklich nach außen und mein Kommentator nennt es „bellender Hund“.

WW: Die Tatsache, dass wir zwischen einer jaulenden Katze und einem bellenden Hund unterscheiden können, bedeutet, dass wir über Weisheit verfügen. Sobald wir unsere Vorlie­ben geltend machen, ist das die unterscheidende Verblendung, der Dualismus. Wir müssen lernen, die Dinge einfach so zu nehmen, wie sie sind. Nur aus diesem Grund sind wir hier und sitzen. Im Koan heißt es: „Die Augen aufzuschlagen, ohne die Morgendämmerung wahrzunehmen.“

Diop:Von welcher Wahrnehmung spricht hier Kyuho?

WW: Kyuho meint hier eine Wahrnehmung, in der kein Körper mehr ist, der das wahrnimmt. Es handelt sich dabei also um eine Wahrnehmung der Leerheit ohne Form, ohne Körper, der dafür zuständig ist. „Bin ich jetzt verrückt geworden?“ wird die Frage des Schülers sein. Tatsächlich ist dies eine völlig neue und ungewohnte Sichtweise. Man nimmt die Morgendämmerung wahr, aber da ist keine Morgendämmerung. Da sind Farben und Formen, und gleichzeitig sind sie nicht. Es ist gleichsam ein Sehen ohne zu sehen, ein Hören, ohne zu hören, eine Wahrnehmung ohne Wahrnehmenden. Wer an diesem Punkt angekommen ist und keinen Lehrer hat, wird sich sicher für verrückt halten. In einem anderen Koan-Text fragt Sushan: „Was ist der Kopf?“ Shishuang sagte: „Du solltest wissen, dass es ihn gibt.“ Shishuang will uns damit eindrücklich klarmachen, dass es die Leerheit gibt und nicht nur irgendeine fixe Idee ist.

Diop: Der Mönch fragte weiter: „Was ist der Schwanz?“

WW: Und Kyuho antwortet: „Nicht auf einem zehntausend Jahre alten Polster zu sitzen“. Kyuho spricht hier zwei Aspekte des Menschen an.

Diop: Welche Aspekte sind das?

WW: Zum einen den Menschen, der noch nie gesessen ist, der also die Praxis des Zazen nie gelernt hat. Dieser Mensch kennt nur die Form und macht sich an dieser Form fest. Die Auswirkungen kennt jeder von uns: Leid. Wir sind im Wahn gefangen, vom Universum getrennte Individuen zu sein, die sich ständig neu beweisen müssen. Wir unterscheiden uns vom anderen und grenzen uns ab. Ständig werden wir begleitet von einem Mangelgefühl physischer oder psychischer Art. Wir sind gefangen in unserem Ich. Seit der Mensch die Sprache erfunden hat, hat er gelernt „ich“ zu sagen. „So bin ich, gib das her, das gehört mir.“ Wir werden aggressiv und besitzergreifend. Auf diese Weise versteinern wir unser Ich. Ständig kämpfen wir gegen das, von dem wir glauben, dass es unser Ich bedroht, und entwickeln alle möglichen Schutzmechanismen. Wir identifizieren uns mit diesem Körper, dieser Form, dieser Welt und sind dauernd damit beschäftigt, diese Welt zu verdauen und wieder auszuscheiden. Wir verstricken uns in dieser Welt und sind gefangen in ihr. Doch wir werden nie Sicherheit finden in einer Welt der Projektionen. Natürlich geht es im Zen nicht darum, zu weltfremden Wesen zu werden. Tiantong sagte einmal: „Wenn du nicht verstanden hast, wirst du in alles um dich herum verstrickt.“ Ummon erwiderte: „Wenn du wirklich verstanden hast, wirst du in alles um dich herum verstickt.“

Diop: Und der zweite Aspekt?

WW: Der andere Aspekt ist der Mensch, der sich selbst in zehntausend Jahren noch nicht gewohnheitsmäßig an das Sitzen gewöhnt hat, sondern jeden Tag ganz neu an die Sache herangeht. Ein solcher Mensch betrachtet die Form als etwas Veränderliches. Auch macht sich dieser Mensch nicht an seinen alten Erfahrungen fest, sondern erlebt jedes Sitzen ganz neu. Das Wertvollste ist eigentlich das, was bleibt, wenn man alles verloren hat. Im originalen Koan geht es nach dieser Frage: „Was ist der Schwanz?“ allerdings noch weiter. Da heißt es: Auch fragte ein Mönch: „Was war vor Dipankara Buddha?“ Kyuho antwortete: „Hart arbeiten, ohne an Stärke zu gewinnen.“ Der Mönch sagte: „Was können Sie mir über die Richtigkeit zu der Zeit des Dipankara Buddha sagen?“ Kyuho sagte: „Wenn der Kopf groß ist, ist der Schwanz klein.“ Der Mönch fragte: „Was ist nach Dipankara Buddha?“ Kyuho entgegnete: „Sich vom Streit zurückziehen, aber Freizeit nicht kennen.“ Dieses ist das Verwirklichen des ‚Sitzens auf einem nicht zehntausend Jahre alten Sitz.’

Diop: Wer war Dipankara Buddha?

WW: Dipankara Buddha, übersetzt, „der Lichtmacher-Buddha“ ist der Buddha, der im vierten Zeitalter vor Gautama Buddha gelebt hat, sozusagen ein Vorzeit-Buddha. Er war es, der als Erster Erleuchtung erfahren hatte. Bereits vor dem Erscheinen Gautamas gab es also in der Mythologie bereits Buddhas, die bemüht waren, für die Menschen nach Erlösung zu suchen. Gautama Buddha selbst zählt sechs von ihnen namentlich auf. Er verglich ihre Lehren mit einer wunderschönen alten, aber längst vergessenen Stadt, die darauf warte, wiederentdeckt zu werden. Nach buddhistischer Legende soll Dipankara vor unendlich langer Zeit gelebt haben. Um seine Person ranken sich viele Legenden und Mythen. Er soll über einhunderttausend Jahre alt geworden sein und seine Größe betrug vierzig Meter. Die starke Übertreibung zeigt, wie groß die Verehrung seiner Person war. Er ist der wichtigste aller Vergangenheits-Buddhas und er repräsentiert gleichsam alle alten Buddhas zusammen. Die Frage also „Was war vor Dipankara Buddha?“ könnte auch heißen, „Was ist vor der Erleuchtungserfahrung?“

Diop: Die Antwort „Hart arbeiten, ohne an Stärke zu gewinnen.“ könnte einen wirklich frustrieren.

WW: Aber es ist die Wahrheit. Wir können noch so viel unternehmen, wir werden nie etwas wirklich erreichen. Der Mönch fragte weiterhin: „Was können Sie mir über die Richtigkeit zu der Zeit des Dipankara Buddha sagen?“ Kyuho antwortete: „Wenn der Kopf groß ist, ist der Schwanz klein.“ Er könnte auch gesagt haben: „Wenn die Leerheit groß ist, ist die Form klein.“ Das bedeutet: Leerheit und Form müssen in absolutem Gleichgewicht sein. Wer nur die eine Seite bevorzugt, wird nie in vollkommener Harmonie leben können. Der Mönch fragte weiterhin: „Was ist nach Dipankara Buddha?“, also nach der Erleuchtungserfahrung? Und Kyuho antwortete: „Sich vom Streit zurückziehen aber die Freizeit nicht kennen.“ Er meint damit ein Sich-Zurückziehen vom Dualismus, der uns immer nur in inneren Widerspruch bringt und keinen Unterschied zu machen zwischen Meditation und Arbeit. Er bezeichnet dies als Manifestation des Sitzens auf einem nicht zehntausend Jahre alten Kissen. In einem anderen Koan fragt Sushan seinen Meister: „Was ist der Schwanz?“ Shishuang antwortet: „Die Form ausfüllen, die ein Geschenk ist.“ Wir sollten also beim Sitzen nicht den Fehler machen, den Körper vollkommen auszublenden. Diese Form, mit der wir auf dieser Erde herumlaufen, ist wirklich ein Geschenk. Sie ist nichts Minderwertiges, sondern gehört ganz wesentlich zu uns.

Diop: Im ersteren Koan fragt der Mönch weiter: „Was ist ein Kopf ohne Schwanz?“

WW: Und Kyuho antwortete: „Das ist nicht gerade erhaben.“ Leerheit, ohne die Form integriert zu haben, ist nicht gerade erhaben, will Kyuho sagen. Beide gehören zusammen. Sie sind eine Einheit wie die beiden Seiten einer Münze. Das parallele Koan dazu lautet: Sushan sagte: „Was ist, wenn jemand den Kopf hat, aber nicht den Schwanz?“ Shishuang antwortet: „Was machst du, wenn du Gold ausspuckst?“

Diop: Der Mönch fragte weiter: „Was ist ein Schwanz ohne Kopf?“

WW: Und Kyuho antwortete: „Das Äußerste zu versuchen, jedoch ohne Kraft.“

Diop: Was bedeutet das?

WW: Nur die Form zu leben, ohne je die Leerheit erfahren zu haben, ist ein trauriges Leben. Wir können in diesem Leben das Äußerste versuchen, doch es wird uns nie gelingen. Im parallel dazu verlaufenden Koan heißt es: Sushan sagte: „Was ist, wenn jemand den Schwanz hat, aber nicht den Kopf?“ Shishuang antwortete: „Da ist eine ruhige Abhängigkeit.“

Diop: Wie können wir also in vollkommener Harmonie leben?

WW: Das ist auch die Frage des Mönchs: „Was ist, wenn Kopf und Schwanz genau miteinander übereinstimmen?“ Kyuho antwortete: „Den Nachkommen wird es wohlergehen, aber der eine im Raum wird es nicht erfahren.“

Diop: Wie ist das gemeint?

WW: Das ist genau das, was ich immer wieder in meinen Teishos sage. Wenn nur einer in der Familie Zen übt, kann nichts Schlimmes geschehen und alles kommt in Ordnung. Was im Augenblick möglicherweise negativ erscheint, wird sich am Ende als positiv herausstellen. Wir müssen uns also keine Sorgen machen. Im parallelen Koan heißt es: Sushan sagte: „Wenn der Kopf und der Schwanz in Harmonie sind, wie ist es dann?“ Shishuang antwortete: „Selbst wenn einer nicht dieses Verständnis hat, genehmige ich es ihm nicht.“

Diop: Trotzdem habe ich noch eine Frage: Was ist in der Mitte zwischen Kopf und Schwanz?

WW: Diese Antwort muss jeder für sich selber finden. Shishuang, der Lehrer von Kyuho war, sagte einmal: „Anfänger, die die große Sache noch nicht erfahren haben, sollten den Kopf zuerst kennen, der Schwanz kommt von allein.“

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