Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 51


Es bewegt sich

Diop: Oft beginnen in den Koans die Gespräche des Meisters mit dem Schüler scheinbar ganz gewöhnlich..

WW: Das ist richtig. Zen ist nun einmal nichts außergewöhnliches, sondern ganz alltäglich. Dazu ein Beispiel: Hogen fragte einmal den Kaku Joza: „Bist du mit dem Schiff gekommen oder über Land?“

Diop: Meister Hogen ist uns doch schon früher einmal begegnet.

WW: Ja.

Diop: Kaku kommt also zu Meister Hogen und es beginnt ein Gespräch, das nicht den leisesten Beigeschmack von Zen erkennen lässt.

WW: Das ist richtig. Hogen fragte den Kaku Joza: „Bist du mit dem Schiff gekommen oder über Land?“ Und Kaku erwidert: „Ich bin mit dem Schiff gekommen“. Hogen erkundigt sich einfach nur nach dem Weg, auf dem er zu ihm gekommen ist. Führte der Weg über das Land oder über das Wasser? Er meint: „Hast du dich von der Leerheit tragen lassen oder hast du dich angestrengt mit deiner Form und bist zu Fuß gekommen? Bist du in der Leerheit oder in der Form zu mir gekommen?

Diop: Und Kaku antwortet: „Ich bin mit dem Schiff gekommen“.

WW: Ganz spontan kommt diese Antwort, ohne die kleinste Überlegung.

Diop: Diese Spontaneität ist sicher eine ganz wesentliche Sache. Ich meine damit nicht die Spontaneität im Alltag. Da ist es oft einfacher. Ich meine, wenn wir unserem Lehrer im Dokusan-Raum gegenübersitzen.

WW: Ja. Die meisten überlegen sich bereits im Vorhinein, was sie sagen werden, wenn der Lehrer dieses oder jenes fragt. Schließlich will man doch den besten Eindruck hinterlassen.

Diop: Wir denken nach, wie wir die jeweilige Situation am besten meistern können.

WW: Auf diese Weise aber geht uns jede Natürlichkeit verloren. Warum können wir nicht einfach weinen mit denen, die traurig sind? Warum können wir nicht einfach lachen mit denen, die fröhlich sind? Warum können wir nicht einfach denen helfen, die Hilfe brauchen? Warum können wir nicht einfach aufstehen, um zur Arbeit zu gehen? Warum wägen wir ständig ab, bevor wir dieses oder jenes tun?

Diop: Dieses Denken und Nachdenken über Situationen ist es, glaube ich, was uns unsere Natürlichkeit verlieren lässt.

WW: Auf diese Weise geht uns auch unser Leben verloren, es wird künstlich und kompliziert. „Ich bin mit dem Schiff gekommen“, antwortete Kaku. „Wo ist das Schiff?“ fragte Hogen ihn. Hier hakt Hogen ein, aber Kaku bemerkt es nicht. Hogen meint: „Wo ist die Leerheit, die dich hierher getragen hat?“ Kaku antwortet: „Das Schiff ist im Fluss.“
An dieser Frage zeigt Hogen seine ganze Größe und das Gespräch wendet sich auf eine andere Ebene, ohne jedoch seine Natürlichkeit zu verlieren. „Wo ist das Schiff jetzt?“, „Wo ist die Leerheit jetzt?“, könnte seine Frage lauten. Dies erinnert mich sehr stark an das dreiundfünfzigste Koan im Hekiganroku.

Diop: Wie lautet das?

WW: Als der Großmeister Ba mit Hyakujo unterwegs war, sah er Wildgänse dahinfliegen. Der Großmeister sagte: „Was ist das?“ Hyakujo sagte: „Wildgänse.“ Der Großmeister sagte: „Wo sind sie hin?“ Hyakujo sagte: „Sie sind weggeflogen.“ Der Großmeister packte Hyakujo an der Nasenspitze. Hyakujo schrie vor Schmerzen. Der Großmeister sagte: „Warum sollten sie weggeflogen sein?“ Entsprechend könnte Hogen Kaku fragen: „Warum sollte das Schiff im Fluß sein?“ Warum sollte die Form in der Leerheit sein? Hast du die Form in der Leerheit noch nicht integriert? Hast du noch nicht die Erfahrung gemacht, dass beide Ebenen eins sind? Wir müssen diese Frage sehr ernst nehmen.

Diop: Was meinen Sie damit?

WW: Wir stellen ständig Fragen: „Warum ist das so? Warum kann es nicht anders sein? Warum ausgerechnet ich?“

Diop: Vielleicht sind wir nicht mehr in der Lage, die Dinge so zu nehmen wie sie sind?

WW: Wir wollen es immer anders haben. Wir können die Wirklichkeit nicht so akzeptieren wie sie ist. Sie erscheint uns oft zu negativ, zu unvorteilhaft und zu ungerecht. Wir wollen unsere persönliche Entwicklung nicht mitmachen, für die wir selbst verantwortlich sind. Aber jeder von uns befindet sich genau da, wo es richtig ist für ihn, auch wenn es momentan sehr schmerzhaft erscheint. Wir sollten deswegen nicht traurig sein, sondern unseren Weg einfach weitergehen und uns nicht von der Traurigkeit überwältigen lassen. Das Leben fließt dahin, und manchmal fließt es auch über spitze Felsen und unwegsames Gelände.

Diop: Wie geht das Koan weiter?

WW: Nachdem Kaku gegangen war, fragte Hogen einen anderen Mönch: „Hatte der Mönch, der gerade hier war, das Auge oder nicht?“ Das ist die entscheidende Frage. Anders ausgedrückt: Hat der Mönch es verwirklicht oder nicht? Hatte er die Erleuchtungserfahrung oder nicht?

Diop: Was meinen Sie?

WW: Ich möchte Ihnen auf diese Frage mit einem Beispiel aus dem Shobogenzo von Dogen Zenji antworten: „Der Priester Meiu von Kyocho sandte einen Mönch zu Gyozan, um ihn folgendes zu fragen: „Benötigen die Menschen in der heutigen Zeit die Erleuchtung?“ Gyozan erwiderte: „Die Erleuchtung existiert, aber sie ist leider leicht falsch zu verstehen.“ Der Mönch kehrte zu Meiu zurück und legte Gyozans Antwort seinem Meister vor. „Was für eine wunderbare Antwort! Nur ein sehr großer Zen-Meister kann so eine Antwort geben.“

Diop: Was meint Gyozan mit dem Satz: „Die Erleuchtung existiert, aber sie ist leider leicht falsch zu verstehen?“

WW: Viele, die den Zen-Weg gehen, warten ständig auf Erleuchtung, weil sie dies für das Ziel des Weges halten. Sie glauben, Erleuchtung sei das Resultat ihrer Übung. Aber auf diese Weise wird ihr Bemühen, Erleuchtung zu erlangen, zu einem großen Hindernis. Ein Schüler stellte seinem Meister einmal folgende Frage: „Gibt es Erleuchtung?“ Der Meister antwortete: „Zwei Dinge musst du wissen. Erstens: Erleuchtung gibt es nicht.“ „Und zweitens?“, fragte ihn der Schüler. „Zweitens“, antwortete der Meister, „musst du dich so verhalten, als ob du das erste nicht wüßtest.“

Diop: Viele Menschen glauben, dass es zwei getrennte Stadien gibt: „Erleuchtete“ und „Nicht-Erleuchtete“.

WW: Und die Dritten meinen: „Wir sind ja eh’ alle erleuchtet, warum soll ich dann noch üben?“ Dogen Zenji sagt dazu: „Wenn närrische Leute den Ausdruck hören: ‘Unser Geist ist Buddha’, schließen sie daraus, dass es nicht mehr nötig sei, das buddhistische Training zu praktizieren, da ihr Geist ja schon erleuchtet sei. Dies ist ein großer Irrtum. Solche Leute sind nie einem wahren Meister begegnet, und ihre Erleuchtung ist nichts als eine Illusion.“

Diop: Gibt es noch andere Zen-Meister, die sich zu diesem Thema geäußert haben?

WW: Ja. Rinzai sagt: „Wenn du nur denkst, dass es schwierig ist, unerleuchtete Menschen zu finden, ist das nicht genug. Du solltest auch erkennen, dass es genauso schwierig ist, erleuchtete Menschen zu finden.“
Und noch ein dritter großer Zen-Meister, Huang-po. Er sagt: „Würdest du nicht nur von Begriffen wie „gewöhnlich“ und „erleuchtet“ frei machen, dann würdest du sehen, dass es keinen anderen Buddha als jenen in deinem eigenen Geist gibt. Als Bodhidharma aus dem Westen kam, wies er nur darauf hin, dass die Substanz, aus der alle Menschen gebildet sind, Buddha ist. Du aber missverstehst dies noch immer. Du haftest an Begriffen wie „gewöhnlich“ und „erleuchtet“, indem du deine Gedanken nach außen richtest, wo sie wie Pferde herumspringen. Dies alles führt zur Verdunkelung deines Geistes. Darum sage ich dir, dass der Geist Buddha ist. Sobald Gedanken oder Gefühle aufsteigen, verfällst du dem Dualismus.“

Diop: Was also ist Erleuchtung?

WW: Wer solche Fragen stellt, verfällt bereits dem Irrtum des Dualismus, weil er der Ansicht ist, „Erleuchtung“ und „Ich“ wären zwei verschiedene Dinge. Wer auf der anderen Seite versucht, solche Fragen zu beantworten, begibt sich auf einen gefährlichen Pfad, denn seine Antworten oder Nicht-Antworten werden leicht missverstanden und falsch gedeutet. Al-Hallaj, ein islamischer Mystiker sagt: „Ich bin Er, den ich liebe, und Er, den ich liebe, ist ich. Zwei sind wir - in einem Körper nur. Und siehst du mich, so siehst du Ihn. Und siehst du Ihn, siehst du uns beide.“

Diop: Ist es also unser Haften an Formen und Vorstellungen, das uns von der Erkenntnis fernhält?

WW: Ja. Huang-po sagt: „Buddha ist weder erleuchtet, noch sind die Lebewesen unwissend, denn die Wahrheit erlaubt solche Unterscheidungen nicht.“

Diop: Erleuchtung bezieht sich also, wenn ich es richtig verstehe, nicht auf jemanden oder etwas, oder auf jemanden, der sie von Anfang an hat oder sie von irgendwoher bekommt.

WW: So ist es. Erleuchtung ist absolut frei. Wir können sie nicht entwickeln, weil sie immer schon da ist. Sie kann auch nicht als das Gegenteil von Unwissenheit aufgefasst werden, denn sie umfasst und durchdringt auch die Unwissenheit. Aus diesem Grund können Unwissenheit und Täuschung nicht in Erleuchtung umgewandelt werden. Nicht der kleinste Teil kann der Wesensnatur hinzugefügt oder weggenommen werden. Zen-Meister Kegon sagte, dass die Erleuchtung und die Illusion wie die zwei Hände eines Körpers sind.

Diop: Wie soll ich damit in meiner Übung umgehen?

WW: Ziel unserer Übung ist es nicht, die linke Hand getrennt von der rechten Hand zu erkennen, sondern den „Einen Körper“ zu erfahren. In diesem „Einen Körper“ aber beginnt Erleuchtung nicht irgendwann. Alles in dieser ewigen Gegenwart ist Erleuchtung. Alles ist in uns. Wo anders könnten wir schon unseren erleuchteten oder nicht-erleuchteten Geist finden? Es gibt nur diesen Einen Geist. Es gibt keinen alltäglichen Geist und keinen besonderen Geist. Alles ist dieser Eine Geist. Er durchdringt das ganze Universum und erleuchtet es. Deshalb ist unsere Übung bereits Erleuchtung. Gehen ist Erleuchtung, Sitzen ist Erleuchtung. Alles ist dieser Eine Geist.

Diop: Ich möchte noch einmal auf das Koan zurückkommen.

WW: Im Grunde ist es ganz einfach. Frage und Antwort, Nicht-Frage und Nicht-Antwort ist Erleuchtung. Hogen fragt: „Bist du Leere oder Form?“ Kaku antwortet: „Ich bin dynamische Leerheit.“ Hogen: „Wo ist die Leerheit jetzt?“ Kaku: „Die Form wird von der Leerheit getragen.“

Deshalb heißt es im Vers zu diesem Koan: „Wasser kann Wasser nicht waschen, Gold verwandelt sich nicht in Gold“. Das ist ES bereits, vollständig und vollkommen. Anziehen, essen, trinken, arbeiten, das ist ES! Unsere Wesensnatur hat keine Farbe und ist doch zugleich im Blatt grün und in der Rose rot. Sie ist unhörbar und erscheint doch zugleich in diesem „Au!“ Sie ist gleichzeitig Instrument und Ton, Hörer und Gehörtes ohne „Gegenüber“. Sie ist lebendige Bewegung bei absoluter Nicht-Bewegung. Die Form wird von der Leerheit bewegt, so wie das Schiff den Menschen trägt. Nie kann ES verloren gehen und trotzdem müssen wir danach suchen. Es ist einfach dies: Ein kalter Wintertag, mir ist kalt. Heiß brennt die Sonne, ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Der Tisch ist gedeckt. Guten Appetit.

©PranaHaus GmbH

Persönlichen Newsletter bestellen und die nächste Bestellung portofrei erhalten.

Sie erreichen uns unter: 08 48 / 77 55 33


Bestellannahme: Mo-Fr: 8.00 – 18.00 Uhr & Sa: 9.00 - 15.00 Uhr / Kundenservice: Mo-Fr: 9.00 – 17.00 Uhr

PranaHaus-Katalog

PranaHaus-Katalog

Entdecken Sie den neuen PranaHaus-Katalog. Den Katalog können Sie kostenfrei und unkompliziert online anfordern.

Jetzt Katalog anfordern

Folgen Sie unseren Social-Media-Kanälen

Der Online-Shop von PranaHaus wird betrieben durch: PranaHaus GmbH, Wöhlerstr. 1, D - 79108 Freiburg
© pranahaus.ch | Impressum | Datenschutz | AGB | Verbraucherinformation | Sitemap
*Es gelten die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der PranaHaus GmbH nebst Widerrufsbelehrung sowie die Verbraucherinformationen und Datenschutzhinweise. Abgabe erfolgt nur in haushaltsüblichen Mengen, ausschließlich über den Versandhandel und solange der Vorrat reicht. Für den Anspruch auf den Vorteil entspricht hierbei der Mindestbestellwert i.H.v. CHF 40,- dem Mindestkaufwert. Eine Barauszahlung ist nicht möglich. Vorteile sind nicht mit anderen kombinierbar und nicht auf andere übertragbar. Die Geschenk-, Rabatt- und Gutscheinaktionen gelten zudem nicht für Artikel von Aura-Soma® und nicht für Online-Kurse. Bei Portofrei-Aktionen gilt: ausgenommen Speditionsaufschlag; nur für Lieferungen innerhalb der Schweiz. Ein Geschenk können Sie auch dann behalten, wenn Sie von Ihrem Rückgaberecht Gebrauch machen. Ersatzlieferung vorbehalten.