Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 44


Die Leerheit verschlingt die Form

WW: Ein Mönch fragte den Achariya Ho von Koyo: „Der große Drache ist aus dem Ozean aufgetaucht, um Himmel und Erde zu beruhigen. Wie gehst du mit ihm um, wenn er plötzlich vor dir steht?“

Diop: Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, aber was bedeutet das Wort Achariya?

WW: Achariya kann auch eine Namensergänzung sein und soviel heißen wie Lehrer oder Meister, ein spiritueller Meister also.

Diop: Und was bedeutet in diesem Zusammenhang der Drache?

WW: Der Drache spielt in der chinesischen Mythologie eine große Rolle. Er ist Sinnbild für das Schöpfungsprinzip. Die Frage könnte auch heißen: „Was ist, wenn ich die Ur-Wirklichkeit erfahren habe? Wie soll ich damit umgehen?

Diop: Und was ist die Antwort des Meisters?

WW: Meister Ho antwortete: „Der König der Myojicho-Vögel ist so groß wie das Universum. Wer kann vor ihm stehen?“

Diop: Das verstehe ich nicht.

WW: Myojicho-Vögel sind drachenfressende Riesenvögel, ein Bild für die alle Formen verschlingende Leerheit. Wieder ist diese Ur-Wirklichkeit gemeint, die alles aufsaugt, ähnlich wie die schwarzen Löcher im Universum. „Wer kann vor ihm stehen?“ bedeutet: Keiner kann sich dieser Ur-Wirklichkeit entziehen. Wir alle sind vollkommen in sie eingehüllt und von ihr durchdrungen. Wir alle manifestieren sie in diesem Augenblick so, wie wir jetzt da sind.

Diop: Und ist der Mönch mit dieser Antwort zufrieden?

WW: Nein. Der Mönch ist neugierig und fragt weiter: „Aber was ist, wenn er kommt?“ Was passiert, wenn wir diese Ur-Wirklichkeit erfahren, will der Mönch wissen.

Diop: Und was antwortet der Meister?

WW: Der Meister antwortet: „Es ist wie der Haubenadler, der eine Taube fängt.“

Diop: Was will der Meister damit ausdrücken?

WW: ES packt dich einfach und lässt dich nicht mehr los. Du kannst dich dieser Ur-Wirklichkeit nicht entziehen. Und Meister Ho sagt weiter: „Wenn du es nicht verstehst, musst du die Wahrheit vor dem Balkon nachprüfen“.

Diop: Was bedeutet diese Redewendung?

WW: Der Ausdruck „vor dem Balkon“ ist eine Anspielung auf eine Geschichte, wonach Heigenkun, ein wohlhabender Grundbesitzer mit dreitausend Dienern, einen prächtigen Palast erbaute, dessen Balkon den Blick auf die Hauptstraße freigab. Eines Tages ging ein Verkrüppelter vorbei. Eine von Heigenkun’s Mätressen sah ihn und lachte ihn aus. Das ärgerte den Krüppel so sehr, dass er verlangte, dass Heigenkun ihm ihren Kopf ausliefere. Heigenkun schlug aber einem Verbrecher den Kopf ab und übergab ihn dem Krüppel als Haupt der Mätresse. Seine Diener jedoch bemerkten den Betrug und verloren das Vertrauen zu ihrem Herrn. Sie verließen ihn, einer nach dem anderen. Heigenkun’s Reichtum schwand dahin. Schließlich enthauptete er die Mätresse und übergab ihren Kopf dem Krüppel vor dem Balkon zur Prüfung. Darauf kehrten die Diener in das Haus zurück, und der Wohlstand Heigenkuns war wiederhergestellt.

Diop: Was bedeutet diese Geschichte Ihrer Meinung nach?.

WW: Diese Geschichte ist ein Bild für uns. Wir können uns nicht betrügen. Darauf weist die Geschichte des wohlhabenden Grundbesitzers hin. Erst, wenn wir in diese Ur-Wirklichkeit eingedrungen sind, wird unser Wohlstand, unser Reichtum, der natürlich nichts mit materiellem Reichtum zu tun hat, zurückkommen. Erst wenn wir aufgehört haben, uns zu betrügen und uns selbst etwas vormachen, wird uns der Reichtum geschenkt.

Diop: Wie reagierte der Mönch darauf?

WW: Der Mönch erwiderte: „Wenn es so ist, muss ich sofort mit gefalteten Händen drei Schritte zurücktreten“.

Diop: Was meint der Mönch damit?

WW: Der Mönch hat sofort erfasst, worum es geht. Die gefalteten Hände sind ein Symbol für die Einheit und Nicht-Zweiheit. Diese Wirklichkeit ist immer da. Wir müssen nicht versuchen, uns dieser Ur-Wirklichkeit anzunähern oder sie erreichen zu wollen. Das wäre genauso, wie wenn wir versuchen würden, unseren Schatten zu fangen. Es wird uns nie gelingen. Wir müssen zurücktreten. Mein Meister sagt: „Sei Zeuge dessen, was ist“. Zeuge sein heißt Abstand zu haben vom Geschehen. Wir müssen von unseren Gefühlen zurücktreten, von unseren Sorgen, unseren Ängsten und einfach nur Zeuge sein, einfach nur beobachten. Wir dürfen uns nicht mehr länger damit identifizieren. Ein Meister hat einmal gesagt: Der Beobachter ist der Schlüssel. Sei der Beobachter! Was immer geschieht, lass es geschehen. Es gibt keine Notwendigkeit, da einzugreifen. Der Körper ist zusammengesetzt aus Erde, Luft, Feuer, Wasser und Äther. Du bist das Licht im Inneren, durch das all diese Elemente angestrahlt werden. Du bist der Beobachter. Geh da tief hinein. Dies ist der bedeutendste Satz überhaupt: Sei Beobachter. Dadurch werden Weisheit, Nichtanhaftung und Befreiung geschehen.
Wir sind nicht das, was wir zu sein glauben, ebenso wenig, wie wir der Kopf des Verbrechers sind. Wir betrügen uns selbst. Das Gefühl ist da, aber ich bin nicht das Gefühl. Es ist einfach nur ein Gefühl, ohne jeden Stellenwert. Es kommt und geht auch wieder. Wir brauchen uns dadurch nicht beunruhigen zu lassen. Es genügt, drei Schritte zurückzutreten und es zu beobachten, so wie ein Zeuge einen Unfall beobachtet, aber wir sind nicht in den Unfall verwickelt. Hakuin sagt in seinem Preisgesang: „Jene aber, die sich nach innen wenden und die Selbstnatur bezeugen, die Selbst-Natur, die eine Nicht-Natur ist, gehen über bloße Lehren weit hinaus.“

Diop: Auch Hakuin benützt das Wort „bezeugen“.

WW: Ja. Er spricht nicht von einem Erkennen oder Verstehen. “Ich bin Zeuge von etwas” bedeutet, dass ich etwas mit meinem ganzen Sein als wirkliche Tatsache erfahre. Um dahin zu gelangen, müssen wir unser gewohnheitsmäßiges Bewusstsein loslassen und in ein neues Bewusstsein eintreten, ein Bewusstsein, in dem wir ganz hier sind und uns auf jeden Augenblick einlassen. Dabei geht es nicht um ein ständiges Beurteilen eines jeden Augenblicks, wie wir dies gewohnt sind, sondern um ein kritikloses Verweilen im Augenblick.

Diop: Und wie reagiert der Meister darauf?

WW: Meister Ho sagte daraufhin: „Eine Schildkröte unter dem Altar“.

Diop: Was meint er damit?

WW: Die „Schildkröte unter dem Altar“ ist eine Anspielung auf eine Erzählung im „Buch der Geschichte“, wonach ein Junge beim Bau eines Hauses eine Schildkröte unter eine Säule legte. Die Schildkröte verharrte dort ohne Speise und Trank als Stütze der Säule, während der Junge heranwuchs, alt wurde und schließlich starb. Als sie schließlich entdeckt wurde, war sie immer noch am Leben.
Das Koan könnte auch lauten: Mönch: „Wenn Dynamik auftaucht, sind Form und Leere beruhigt. Wie gehst du mit der Dynamik um?“ Ho: „Die Leerheit ist so groß wie das Universum. Da ist niemand mehr.“ Mönch: „Was ist, wenn Leerheit da ist?“ Ho: „Da ist nur Dynamik. Du musst es selbst erfahren.“ Mönch: „Einheit ist pure Dynamik.“ Ho: „Die Form ist in der Leerheit verschwunden. Trotzdem ist die Form da. Du wirst sie wahrnehmen.“

Diop: Und was bedeutet die Schildkröte für uns?

WW: Meister Ho nimmt diese Geschichte zum Anlass, um die Ur-Wirklichkeit zu beschreiben. Sie trägt uns, stützt uns und wird trotzdem von niemandem gesehen. Sie ist verborgen und geheimnisvoll. Sie wird auch noch da sein, wenn wir nicht mehr sind. Sie braucht weder Speise noch Trank. Warum sollen wir uns also Sorgen machen, warum sollten wir verzweifeln? Es geht in unserem Leben nur darum, diese neue Wirklichkeit zu entdecken, in sie einzudringen, uns von ihr durchdringen zu lassen, selbst ganz zu ihr zu werden, um unsere eigene Unsterblichkeit zu entdecken.

Diop: Gibt es dazu auch in der Bibel Stellen, die auf diesen Umstand hinweisen?

WW: Ja. Im Buch der Weisheit steht: „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand. Törichte Leute deucht’s und sie wähnen, dass jene sterben und verderben, doch sie sind in Frieden, in Wonne und in Seligkeit.“ Und Paulus sagt: „Ich bin des sicher, dass mich weder der Tod noch irgendwelche Mühsal von dem zu scheiden vermag, was ich in mir verspüre.“ Aber Meister Ho fährt fort und sagt weiterhin: „Warte nicht, bis du auf die Stirn geschlagen wirst. Das wird weh tun“. Verwirkliche es sofort und warte nicht darauf. Oft ist es viel Leid, das uns auf den Weg bringt. Er will damit sagen: Dringe gleich ein, versenke dich sogleich in den Augenblick, bleibe nicht im Dualismus gefangen. Das wird weh tun. Wir alle kennen dieses „Wehtun“ beim Sitzen wie im Alltag, dieses Leben mit all seinen Schwierigkeiten, Ängsten, Sorgen, Krankheiten und dem Tod, der am Ende auf uns wartet. Wir wissen, all dies tut mehr weh als vielleicht jetzt in diesem Augenblick unsere Beine und unser Rücken. Mein Lehrer hat einmal gesagt: „Die Auseinandersetzung mit dem Sinn unseres Lebens ist die wichtigste Aufgabe, die wir zu leisten haben. Letztlich heißt das, dass wir uns auf Reifen und Sterben auszurichten haben. Sterben, der mystische Tod, ist der Preis für das größere Leben.“

Diop: Ich kenne viele Menschen, die diesem Prozess zwar nicht abgeneigt sind, aber ihn doch eher aufschieben wollen und sagen: Heute noch nicht, später, wenn ich mehr Zeit habe.

WW: Ja. Solche Menschen sollten sich wirklich einmal klarmachen, dass das Leben etwas sehr Kostbares ist und vielleicht schon morgen zu Ende sein könnte. Letztendlich verweigern sie damit ein erfülltes Leben und ziehen ein Leben auf Sparflamme vor.

©PranaHaus GmbH

Persönlichen Newsletter bestellen und die nächste Bestellung portofrei erhalten.

Sie erreichen uns unter: 08 48 / 77 55 33


Bestellannahme: Mo-Fr: 8.00 – 18.00 Uhr & Sa: 9.00 - 15.00 Uhr / Kundenservice: Mo-Fr: 9.00 – 17.00 Uhr

PranaHaus-Katalog

PranaHaus-Katalog

Entdecken Sie den neuen PranaHaus-Katalog. Den Katalog können Sie kostenfrei und unkompliziert online anfordern.

Jetzt Katalog anfordern

Folgen Sie unseren Social-Media-Kanälen

Der Online-Shop von PranaHaus wird betrieben durch: PranaHaus GmbH, Wöhlerstr. 1, D - 79108 Freiburg
© pranahaus.ch | Impressum | Datenschutz | AGB | Verbraucherinformation | Sitemap
*Es gelten die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der PranaHaus GmbH nebst Widerrufsbelehrung sowie die Verbraucherinformationen und Datenschutzhinweise. Abgabe erfolgt nur in haushaltsüblichen Mengen, ausschließlich über den Versandhandel und solange der Vorrat reicht. Für den Anspruch auf den Vorteil entspricht hierbei der Mindestbestellwert i.H.v. CHF 40,- dem Mindestkaufwert. Eine Barauszahlung ist nicht möglich. Vorteile sind nicht mit anderen kombinierbar und nicht auf andere übertragbar. Die Geschenk-, Rabatt- und Gutscheinaktionen gelten zudem nicht für Artikel von Aura-Soma® und nicht für Online-Kurse. Bei Portofrei-Aktionen gilt: ausgenommen Speditionsaufschlag; nur für Lieferungen innerhalb der Schweiz. Ein Geschenk können Sie auch dann behalten, wenn Sie von Ihrem Rückgaberecht Gebrauch machen. Ersatzlieferung vorbehalten.