Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 35


Integration von Form und Leerheit

WW: Rakuho ging zu Kassan und stand, ohne sich zu verbeugen, vor ihm.

Diop: Wer sind die beiden?

WW: Wir haben es hier mit zwei sehr wenig bekannten Gestalten des Zen zu tun. Rakuho lebte von 834-894 in China und war ein Urenkel-Schüler von Yakusan. Von ihm ist der Satz erhalten: „Wenn ein einziges Staubkorn aufgewirbelt wird, dann ist die Welt zur Gänze enthalten; und auf einer einzigen seiner Haarspitzen zeigt sich der ganze Löwe.“

Diop: Und Kassan?

WW: Kassan lebte von 805-881. Von ihm stammt der Ausspruch: „Pack mich alten Mönch auf den Blattspitzen der hundert Gräser und erkenne den Kaiser mitten im Marktgedränge!“

Diop: Gibt es noch mehr über Kassan?

WW: Ja. Meister Yunmen erzählt über ihn folgende Geschichte: Als Kassan einmal dasaß, kam Tozan zu ihm hin und fragte: „Wie geht’s?“ Kassan antwortete: „Einfach so.“ Meister Yunmen fuhr an Tozan’s Stelle fort: „Und wenn ich diese Antwort nicht durchgehen lasse?“ Yunmen stieß an Kassan’s Stelle einen Schrei aus. Meister Yunmen erwähnte noch einmal Kassan`s Worte: „Einfach so“ und bemerkte dazu: „Ach so, du hockst nur in einem Froschloch!“ Und er fügte hinzu: „Einfach so und doch ist es schwer zu erreichen.“

Diop: Rakuho ging also zu Kassan und stand, ohne sich zu verbeugen, vor ihm. Das ist doch ziemlich respektlos.

WW: Ja. Selbst Herrscher werfen sich vor Meistern, Nonnen und Mönchen nieder. Was aber macht Rakuho? Er geht zu Meister Kassan und stellt sich einfach, ohne sich zu verbeugen, vor ihn hin.

Diop: Was geht wohl in Rakuho vor? Stellt er sich vielleicht auf eine Stufe mit Kassan?

WW: Rinzai sagt: „Ein Gassho, sich verbeugen, Weihrauch opfern und Wasser kochen - dies ist die rechte Tat.“

Diop: Was bedeutet eigentlich dieses Gassho?

WW: Das Gassho, das Zusammenlegen der Handflächen, ist eine im Zen geläufige Geste. Es kann Ausdruck eines Grußes, der Dankbarkeit oder Verehrung sein. Aber es symbolisiert immer den Bewusstseinszustand der Einheit: Nicht-Zwei.

Diop: Und wie reagiert Kassan darauf?

WW: Kassan sagt in ruhigem Ton und ohne eine Spur von Gekränktsein, aber doch sehr bestimmend: „Ein Küken im Nest des Phönix. Das ist nicht dieselbe Gattung. Verschwinde!“ Kassan durchschaut sofort sein Gegenüber. Er entdeckt ein Kuckucksei in seinem Nest, einen, der es noch nicht verwirklicht hat.

Diop: Was bedeutet: „Ein Küken im Nest des Phönix?“

WW: Der Phönix ist der Legende nach ein Himmelsvogel, der der Erde Heil und Frieden bringt.

Diop: Im Zen gibt es doch auch das Bild von der Henne und dem Küken.

WW: Es bezeichnet das innige Verhältnis zwischen Schüler und Meister. Ist die Henne mit dem Brüten so weit, dass das Küken aus dem Ei schlüpfen kann, dann hackt sie von außen an der Schale, während das Küken von innen pickt, bis die Schale aufbricht. Dieses Bild ist im Zen die Art und Weise, wie der Meister seinen Schüler zur Erleuchtung führt.

Diop: Kassan wirft ihn hinaus.

WW: Ja. Er sieht die Überheblichkeit in seinem Gegenüber. Das ist keine gute Voraussetzung für eine Meister-Schüler-Beziehung. Aber in diesem Hinauswurf liegt kein Groll und kein Beleidigtsein. Aber Rakuho lässt nicht locker. Er sagt: „Ich bin von weit hergekommen, weil ich von Eurer Tugend gehört habe. Bitte, Ehrwürden, gewährt mir eine Unterredung“.

Diop: Rakuho fährt einen Gang zurück.

WW: Aber Kassan geht auf das Kompliment nicht ein. Kassan sagt: „Vor meinen Augen ist kein Acharija, und es ist kein alter Priester hier.“ Hier ist niemand, der dir etwas sagen könnte. Die Wahrheit liegt nicht in den Worten.

Diop: Was ist ein Acharija?

WW: Ein „Acharija“ ist im Buddhismus ein spiritueller Meister, der die „Große Wahrheit“ verwirklicht hat. Er will damit sagen: „Was willst du hier, ich bin nur ein ganz gewöhnlicher Mensch!“ Rakuho reagiert sofort darauf und schreit aus vollem Hals: „Katsu!“ und zeigt damit auf seine Erfahrung der Leerheit.

Diop: Vielleicht glaubt Rakuho, in der Gegenüberstellung von „Acharija“ und „alter Priester“ eine Unterscheidung herausgehört zu haben.

WW: Das wäre möglich. Aber Kassan lässt sich nicht beirren. Kassan schießt sofort zurück und sagt: „Halt, nicht so hastig! Wolken und Mond sind gleich, Täler und Berge unterscheiden sich.“

Diop: Was will er ihm damit klar machen?

WW: Formen erscheinen in der Wesensnatur gleich. Trotzdem unterscheiden sich die Formen. Das ist Weisheit, die er in diesem Augenblick präsentiert. Form ist Leere, Leere ist Form, zwei Seiten einer Münze. In der Einheit ist die Vielheit, in der Vielheit die Einheit enthalten. Beides zu transzendieren und zu verwirklichen, das ist die Übung des Zen, will er damit sagen. Und Kassan sagt weiter: „Es ist hier auf Erden durchaus möglich, den Menschen die Zungenspitze abzuschneiden. Doch wie willst du einen Zungenlosen zum Sprechen bringen?“ Er will damit sagen: „Es ist durchaus möglich, die Form zu überwinden, aber wie soll diese Leerheit wirken? Wie soll jemand, der die Leerheit erfahren hat, die Form in die Leerheit integrieren?“ Kassan hat Rakuho mattgesetzt.

Diop: Meint er damit, dass die Wesensnatur nicht erklärbar ist und nicht in Worten fassbar?

WW: Ja. Egal, wie oft wir das Wort „Salz“ sagen, unsere Zunge wird davon nicht salzig. „Wie willst du einen Zungenlosen zum Sprechen bringen?“ bedeutet: Du musst selbst herausfinden, wie du sprechen kannst, ohne die Zunge zu verwenden.

Diop: Was antwortet Rakuho daraufhin?

WW: Rakuho ist verstummt. Er antwortete nicht. Er gibt sich geschlagen. Er ist noch nicht in die Erfahrung der Wesensnatur vorgedrungen. Kassan gibt ihm sofort einen Schlag. Nichts wird hinzugefügt, nichts wird erklärt, nur die Dynamik des Augenblicks.

Diop: Und Rakuho?

WW: Von da an unterstellte sich Rakuho Kassan’s Führung. Er ahnt die Größe Kassan’s und gibt auf. Kassan hat das Duell gewonnen. Rakuho zieht die Konsequenzen. Er unterstellt sich Kassan’s Führung. Das Koan könnte auch so aussehen: Rakuho: „Ich bewege mich nicht“. Kassan: „Du bist nicht ich.“ Rakuho: „Ich bin leer.“ Kassan: „Form und Leere ist gleich. Trotzdem unterscheiden sich die Formen. Lasse die leeren Formen wirken. Dieses Wirken kannst du spüren.“ Wir können davon ausgehen, dass sich Rakuho jetzt beim Betreten des Dokusan-Raumes immer vor seinem Meister verbeugte. Er hat es begriffen, dass er sich in Wirklichkeit nicht vor dem Meister verbeugt, sondern vor der unbegreiflichen Wesensnatur, die durch diesen Meister zum Ausdruck kommt. Ein solcher Meister beherrscht die Kunst, den Redenden sofort zu unterbrechen, um ihn in die Wahre Wirklichkeit zu stoßen. Kassan weist Rakuho auf die rechtmäßige Ordnung hin, d.h., Form und Leere gehören zusammen. Das eine ohne das andere ist nicht möglich.

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