Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 30


Dynamik der Leerheit

WW: Daizui lebte im neunten Jahrhundert in China und war Schüler von Chokei. Da er es sich zum Ziel gesetzt hatte, möglichst alle Lehrer von Rang und Namen kennen zu lernen, kam es zu über sechzig Begegnungen mit Zen-Meistern des Landes. Der Meister, der Daizui zur völligen Klarheit führte, war Chokei, der der zweite Abt im Kloster von Isan war. Um in späteren Jahren seinen Schülern das Unbegreifliche vor Augen zu führen, sagte Daizui: „Ich war dreißig Jahre lang auf dem Berg des Isan, habe Isan-Reis gegessen und Isan-Mist gemacht, kein Isan-Zen studiert und nur gelernt, wie man mit einem Wasserbüffel fertig wird.“ Eines Tages, als sich Daizui im Kloster des Isan aufhielt, wo er für das tägliche Feuermachen und die Zimmerreinigung zuständig war, sagte Isan zu ihm: „Du bist nun schon mehrere Jahre hier. Wie kommt es, dass du nicht einmal eine Frage gestellt hast?“ Daizui erwiderte: „Was muss ich denn fragen, um ES zu erlangen?“ Isan sagte: „Nun, wenn du nicht selber draufkommst, so frage doch einmal: Was ist es mit Buddha?“

Diop: Und wie reagierte Daizui?

WW: Daizui hielt ihm mit der Hand den Mund zu. Isan sagte: „Wenn du später einmal den Stubenreiniger da suchst, wirst du ihn kaum mehr finden.“

Diop: Wie lange blieb Daizui bei Isan?

WW: Dreißig Jahre. Danach verließ Daizui das Kloster und betrieb drei Jahre lang ein Teehaus am Rande einer Straße, um Vorbeiwandernde zu bewirten. Hier fand er im nahen Gebirge eine alte Klause an einem klaren Bergbach und einem riesigen Baum, dessen Stamm sich zu einer großen Höhle öffnete. Deshalb nannte man ihn auch den „Klausner im Baum“. Bald hatte er eine große Hörerschaft um sich versammelt. Ein Mönch fragte ihn einmal: „Wenn das große Universum im Kalpa-Feuer zerstört wird, wird ES dann vergehen oder nicht?“

Diop: Was bedeutet das Wort „Kalpa“?

WW: „Kalpa“ bedeutet im Sanskrit soviel wie Weltenzyklus oder Weltenperiode. Nach hinduistischem Glauben besteht ein Kalpa aus vier Weltzeitaltern, die viele Millionen Jahre dauern. Kalpa ist also die Bezeichnung für einen unendlich großen, nicht mehr in Zahlen ausdrückbaren Zeitraum. Die Länge eines Kalpas macht folgendes Gleichnis deutlich: Angenommen, alle hundert Jahre streicht ein Seidenschal über einen Felsblock von einer Kubikmeile, so vergeht ein Kalpa, bis der Felsen von diesem Windhauch abgetragen ist.

Diop: Gibt es weitere Merkmale eines Kalpas?

WW: Ja. Ein Kalpa wird in vier Abschnitte eingeteilt: Weltenentstehung, Fortdauer der entstandenen Welten, Weltuntergang und Fortdauer des Chaos. In der Periode der Weltenentstehung bilden sich die einzelnen Welten mit ihren Lebewesen. In der zweiten Periode entstehen Sonne und Mond, differenzieren sich die Geschlechter und entwickelt sich das soziale Leben. In der dritten Phase, dem Weltuntergang, zerstören Feuer, Wasser und Wind alles außer Dhyana, einen Versenkungszustand des Geistes. Der vierte Abschnitt, das Chaos stellt die totale Vernichtung dar. Diese vier Phasen bilden ein Großes Kalpa.

Diop: Der Mönch will also wissen, ob dieses nicht mehr in Worten Ausdrückbare ebenfalls im Kalpa-Feuer zerstört wird?

WW: Ja. Der Mönch ist gefangen im Verstandesdenken und tastet vergeblich darin herum.

Diop: Und wie ist die Antwort Daizuis auf diese Frage?

WW: „Es vergeht“, antwortet Daizui. In diesem Vergehen liegt die ganze Dynamik.

Diop: Gibt sich der Mönch damit zufrieden?

WW: Nein. Der Mönch fragt weiter: „Wird ES zusammen damit vergehen?“ Gemeint ist die Leerheit. Wenn der Tontopf zerbricht, zerbricht dann auch der Raum innerhalb des Topfes?

Diop: Und Dazui?

WW: „Es folgt dem Rest und vergeht“, antwortet Daizui. Die Leerheit folgt der Form und ihr Wirken zeigt sich in der Leerheit. Das Gespräch hätte auch folgendermaßen verlaufen können. Der Mönch fragt: „Wenn die Leerheit zerstört ist, ist dann auch die Dynamik zerstört?“ Daizui: „Die Zerstörung ist es.“ Mönch: „Wird die Dynamik mit der Leerheit zerstört?“ Daizui: „Die Dynamik wirkt in der Leerheit.“ Das bedeutet: Leerheit offenbart sich in der Form, ihr Vergehen ist pure Dynamik in der Leerheit.

Diop: Der Mönch will also wissen, ob auch unsere ursprüngliche Natur zugrunde geht, wenn diese Welt einmal nicht mehr besteht?

WW: Ja. Später stellt ein anderer Mönch Meister Ryuzai die gleiche Frage: „Wenn das große Universum im Kalpa-Feuer zerstört wird, wird ES dann vergehen oder nicht?“

Diop: Und wie beantwortet Ryuzai auf die Frage?

WW: „Es vergeht nicht“, antwortete Ryuzai. Leerheit vergeht nicht.

Diop: Sie meinen, er sagt genau das Gegenteil?

WW: Ja. Deshalb fragt der Mönch weiter: „Warum vergeht Es nicht?“ Warum vergeht Leerheit nicht?

Diop: Und die Antwort?

WW: Ryuzai antwortet: „Weil Es dasselbe ist wie das Universum“. Weil Leerheit Form ist und Form Leerheit. Der Mönch könnte auch gefragt haben: „Wenn die Leerheit zerstört ist, ist dann auch die Dynamik zerstört?“ Ryuzai: „Dynamik vergeht nicht.“ Mönch: „Warum?“ Ryuzai: „Dynamik ist Leerheit.“

Diop: Aber ist nicht alles ständigem Wandel unterworfen?

WW: Ja. Der Satz, auf den sich der Mönch beruft, stammt aus dem chinesischen Sutra von der vollkommenen Erkenntnis. Darin heißt es: „Wenn das Äonenfeuer loht, gehen alle tausend Welten unter. Zermahlen wird der Berg Sumeru, zunichte der große Ozean. Brahma, Shakra, Meeresdrachen, alle Wesen mit Gefühl, alles endet in Vernichtung; wie viel mehr erst dieser Leib.“

Diop: Geht Es also nun unter oder nicht?

WW: Eine Frage, zwei gegensätzliche Antworten. Es vergeht und vergeht nicht. Leerheit offenbart sich in der Form und wirkt im Vergehen.

Diop: Ich bin verblüfft. Haben denn Zen-Meister nicht alle die gleichen Erfahrungen gemacht? Weiß vielleicht der eine mehr als der andere? Oder werden wir hier einfach nur zum Narren gehalten?

WW: Die Frage ist: Wer ist es, der verblüfft und ratlos ist? Es ist unser Geist. Dieser Geist ist es, der nachdenkt, der Fragen stellt und antwortet.

Diop: Wie könnten wir denn antworten, wenn wir keinen Geist hätten?

WW: Nun, das, was antwortet, ist unser Geist. Was immer wir auch tun, es ist unser Geist. Außerhalb unseres Geistes finden wir nichts, weder Menschen noch Dinge. Dieser Geist ist alles und alles ist in ihm enthalten. Jedes einzelne Ding ist dieser eine Geist. Dieser ursprüngliche Geist ist es, der bis zum heutigen Tage übertragen wurde. Nie können wir unsere wahre Natur außerhalb unseres Geistes finden. Unsere wahre Natur kennt keine Ursache und keine Wirkung, keine Zerstörung und kein Entstehen.

Diop: Und was ist, wenn ich meine wahre Natur gefunden habe?

WW: Die wahre Natur zu finden bedeutet sein Ich zu vergessen und einzutauchen in ein Leben voller Frieden und Harmonie. In ihr ist jede vergangene und zukünftige Existenz zerstört und wir sind vollkommen frei.

Diop: Sie meinen, wenn wir unsere wahre Natur wahrnehmen können, existieren wir jenseits von Zerstörung und Entstehung?

WW: Ja. Es gibt dann keinen Unterschied mehr. Aus diesem Grund besitzen beide Antworten volle Gültigkeit, denn sie kommen aus einem Bereich, wo „ja“ einfach nur „ja“ ist und „nein“ einfach nur „nein“, ohne das andere Extrem, ohne Gegenseite. Ja und nein existieren bei einem verwirklichten Menschen ohne Anfang, Mitte oder Ende, ohne Gedanke und ohne Fixierung.

Diop: Was aber ist dann unser ursprünglicher Geist?

WW: Ein Mönch fragte einmal den großen Meister Zengenchuko: „Was ist der ursprüngliche Buddhageist?“ Er erwiderte: „Es ist die Zerstörung der Welt.“ Da sagte der Mönch: „Was meinst du damit?“ Der Meister antwortete: „Mein Körper ist zerstört, oder nicht?“

Diop: Was bedeutet das?

WW: „Mein Körper ist zerstört“ bedeutet: Nichts existiert außerhalb dieses Körpers, alles ist dieser ursprüngliche Geist in uns. „Zerstört“ oder „nicht zerstört“ übersteigt jede Relativität.

Diop: Was bedeutet das für meine Übung?

WW: Es geht darum, einzutauchen in die ursprüngliche Reinheit von „Ich bin müde“ oder „Mir ist kalt“. Das ist die ursprüngliche Welt der Nicht-Zweiheit. Wenn sich die Frage nach „zerstört“ oder „nicht zerstört“ nicht mehr stellt, werden wir in Billionen von Welten und Universen frei umhergehen können. Wir werden gehen, ohne die Füße zu gebrauchen, wir werden arbeiten, ohne die Hände zu gebrauchen. Und trotzdem werden wir die Formen je nach ihrem Zweck benützen.

Diop: Das verstehe ich nicht.

WW: Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder, wir verstehen oder wir verstehen nicht. Darüber kann man nicht diskutieren. Wer es vermag, kompromisslos weiter zu üben, wird kein Wort mehr darüber verlieren. Menschen jedoch von großem Zweifel werden sich in den Wirren des Alltags und der Dualität verlieren. Unsere Wesensnatur manifestiert und offenbart sich in den ganz alltäglichen Dingen.

Diop: Meinen Sie mit Wesensnatur den Bereich der Leerheit?

WW: Ja. Dieser Bereich ist es, der unser wahres Wesen ausfüllt. Nur aus diesem Grunde sitzen wir. Trotzdem ist es außerordentlich wichtig, das Erfahrene wieder zu vergessen, um, wie Rinzai sagt, wieder zu einem ganz gewöhnlichen Menschen zu werden. Darum geht es in allen Koans.

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