Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 14


Keine Spur hinterlassen

WW: Im 14. Koan steht Meister Tokusan im Mittelpunkt.

Diop: Können Sie mir über ihn etwas erzählen?

WW: Gerne. Tokusan Senkan lebte im neunten Jahrhundert in China und war Zen-Meister und Dharmanachfolger von Ryutan. Tokusan hatte neun Dharmanachfolger, darunter sind Ganto und Seppo die bekanntesten. Mit etwa zwanzig Jahren hat Tokusan sein Mönchsgelübde abgelegt. Mit großem Eifer nahm er sich der verschiedenen Lehrschriften an, insbesondere dem Prajnaparamita, was übersetzt so viel heißt wie „Hinübergelangen zur vollkommenen Erkenntnis“. Damit ist eine Erkenntnis gemeint, die dem logischen Denken unzugänglich ist und jenseits aller Gegensätze liegt. Er war eine große Autorität auf diesem Gebiet geworden und hielt Vorträge im ganzen Land. Dann aber hörte er, dass stromabwärts in der Gegend um den unteren Yangtse Mönche aufgetreten seien, die die herkömmliche Lehre vom allmählichen Aufstieg zur Buddhaschaft von Stufe zu Stufe leugneten und die Behauptung aufstellten, dass es jedem möglich sei, plötzlich, in einem einzigen Augenblick sozusagen, Buddha zu werden. Dass eine solche Lehre um sich greifen konnte, ließ ihm keine Ruhe und er machte sich auf den Weg, um die falschen Propheten im Redestreit zu schlagen. Kurz bevor Tokusan jedoch die Stadt erreichte, kam er an ein Teehaus, wo eine alte Frau mit weißen Sesamkörnchen gewürzte Klöße anbot. Dort legte er sein Bündel ab. Die Frau fragte den Mönch, was er denn in seinem Bündel habe. „Den Kommentar zum Diamant-Sutra“, war seine Antwort. „So“, sagte sie, „dann habe ich an Euch eine Frage. Könnt Ihr mir die beantworten, so bekommt Ihr die Klöße von mir umsonst. Wisst Ihr keine Antwort, so müsst Ihr sie anderswo kaufen“. Tokusan, selbstbewusst wie er war, erwiderte: „Frag nur zu!“ Daraufhin sagte die Alte: „Im Diamant-Sutra stehen doch die Worte: ‚Ein vergangenes Herz kann man nicht fassen, ein zukünftiges Herz kann man nicht fassen, ein gegenwärtiges Herz kann man nicht fassen.’ Welches nun von den drei Herzen wünscht der Herr Vorsitzer zu stärken?“

Diop: Was antwortete Tokusan?

WW: Tokusan war sprachlos. Sein ganzer Gelehrtenstolz brach zusammen, aber er folgte dem Rat der Alten, Zen-Meister Ryutan aufzusuchen. Die Unterredung zwischen Ryutan und Tokusan dauerte sehr lange. Daher forderte der Meister seinen wissenshungrigen Besucher auf, sich in den Raum für durchreisende Mönche zur Ruhe zu begeben. Tokusan ging hinaus, fand sich aber in der stockfinsteren Nacht nicht zurecht, kam noch einmal herein und bat um Licht. Ryutan nahm eine Wachskerze, entzündete sie und reichte sie Tokusan. Dieser griff danach, doch kaum hatte er das Licht in der Hand, da blies Ryutan es aus. In diesem Moment wurde in Tokusan alles offen und weit. Überwältigt warf er sich vor dem Meister auf die Knie und berührte mit der Stirn den Boden. Der Meister fragte ihn, wovor er denn bete? Tokusan antwortete: „Von heute an werde ich nicht mehr anzweifeln, was die alten Mönche des Reiches sagen.“ Und er nahm seine Sutren-Kommentare, ging vor die Dharma-Halle, nahm eine Fackel und verbrannte sie. Dann verneigte er sich und ging. Von Tokusan ist auch der berühmte Ausspruch überliefert: „Dreißig Hiebe, wenn du sprichst, dreißig Hiebe, wenn du schweigst.“

Diop: Hatte Tokusan auch Schüler?

WW: Ja. Da gab es einen Schüler mit dem Namen Kaku. Einmal fragte Kaku Tokusan: „Wo sind all die Buddhas und Patriarchen der Vergangenheit hingegangen?“ „Was hast du gesagt?“, fragte Tokusan zurück. Darauf Kaku: „Ich befahl einem vorzüglichen Pferd hervorzuspringen, aber es trat nur eine lahme Schildkröte heraus.“ Tokusan schwieg. Als Tokusan am nächsten Tag vom Bade kam, servierte Kaku ihm den Tee. Tokusan klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Der alte Herr hat es zum erstenmal bemerkt“, sagte Kaku. Wieder schwieg Tokusan. Dieses Koan verwirklicht den Aspekt von Form und Leere in vollkommener Weise.

Diop: Das verstehe ich nicht.

WW: Kaku begreift einfach nicht, dass die Gegenfrage „Was hast du gesagt?“ die wunderbare und klare Manifestation der Leerheit darstellt, die seine Frage auf vollkommene Weise beantwortet. In dieser Leerheit gibt es weder Vergangenheit noch Zukunft oder nacheinander erscheinende Zeitabläufe. Nur ein „Was hast du gesagt?“, nichts weiter. Hier ist alles, ich bin das. Es gibt keine Buddhas, Patriarchen oder Vergangenheit. Tokusan präsentiert sein Nichtwissen. Aber Kaku versteht es nicht, und so antwortet er: „Ich befahl einem vorzüglichen Pferd hervorzuspringen, aber es trat nur eine lahme Schildkröte heraus.“

Diop: Kaku ist enttäuscht, er hat sich etwas anderes, konkreteres erwartet als Tokusan’s Gegenfrage.

WW: Der weise Tokusan aber reagiert auf das Unverständnis seines Schülers nur mit Schweigen. Kein Kommentar, kein Beleidigtsein.

Diop: Man könnte es aber auch als Schwäche auslegen.

WW: Verstandesmäßig betrachtet, ja. Auf der Ebene der Ur-Wirklichkeit jedoch ist es eine völlige Übereinstimmung, die Tokusan hier demonstriert. Kein Groll, kein Gekränktsein über die Bemerkung am Vortag. Nur diese freundschaftliche Geste, in der sich die ganze Weite seiner Wesensnatur offenbart. Wie lange schleppen wir Beleidigungen und Kränkungen mit uns herum? Tage, Wochen, manchmal Jahre. Das kostet Kraft und Energie und macht uns manchmal richtig fertig.

Diop: Ich finde diese Koans immer wieder faszinierend. Vielleicht hat das seinen Grund darin, dass alles anders ist, wie im normalen Leben. Ich meine damit die Reaktionen, die auf scheinbar belanglose Sätze erfolgen.

WW: Es ist einfach so, dass Erkenntnis in uns nur langsam entsteht. Aus diesem Grund halte ich das Gespräch des Schülers mit dem Lehrer auch für so wichtig.

Diop: Sie meinen das Gespräch, das im Dokusan-Raum stattfindet?

WW: Ja. Dieses Aug in Aug sich Gegenübersitzen ist von größter Bedeutung.

Diop: Aber ganz unbefangen in den Dokusan-Raum zu gehen ist auch sehr schwierig.

WW: Das kommt auf das Verhältnis des Schülers zu seinem Lehrer an. Wenn wir nicht ständig überlegen würden, was wir alles sagen wollen, wären wir in der Lage, die Worte und Hilfen des Lehrers sicher besser zu verstehen.

Diop: Sie meinen, ohne Konzepte?

WW: Ja. Oft wird es uns erst sehr viel später bewusst, was der Lehrer gesagt hat. Ummon hat einmal gesagt: „Wenn einer auf das Wort des Meisters hin nicht in sich geht, so gehen Frage und Antwort aneinander vorbei. Legst du dich aufs Überlegen und Erwägen, in welcher Ewigkeit willst du dann noch Erleuchtung finden?“

Diop: Ein japanisches Sprichwort lautet: „Wer für das nächste Jahr plant, den lacht der Teufel aus“.

WW: Absichtslos zu sitzen ist wohl das Schwerste, was wir zu lernen haben. Oft schwanken wir zwischen Annehmen und Ablehnen von Gedanken und Gefühlen. Trotzdem dürfen wir uns dadurch nicht entmutigen lassen. Zen ist ein ständiges „Sich-Zurückholen“ in den Augenblick. Unsere auftauchenden Gedanken und Gefühle erscheinen oft wie feindliche Armeen, denen wir gegenüber stehen. „Warum sitze ich hier?“ oder „Warum tue ich mir das alles an?“ oder „Zu Hause wäre es so gemütlich.“ Dazu gesellen sich Erinnerungen, die oft weit in die Kindheit zurückreichen oder Erwartungen an die Zukunft. Wir sollten lernen, nicht zielgerichtet zu denken, sondern unserem Bewusstsein freien Lauf lassen und einfach zuschauen, wohin es mich trägt. Wir sind nicht Herr dieses Bewusstseins. Nur wenn wir aufgeben, werden wir gewinnen. Wir sollten geduldig abwarten, bis sich das Wasser geklärt hat. Es ist vollkommen unnütz, nach Verunreinigungen Ausschau zu halten. Oder anders gesagt: Wir sollten der Gegenwart keinen Widerstand leisten. Es genügt, einfach hinzuschauen, was uns dieser Augenblick anbietet. Es wäre ein vergebliches Unterfangen, alle Gedanken und Gefühle ausrotten zu wollen.

Das Koan könnte auch lauten: Kaku fragt Tokusan: „Was ist Zeit?“ Tokusan: „Zeitlose Zeit im Nichtwissen.“ Kaku: „Nicht mehr?“ Tokusan: „Nicht mehr.“ Kaku: „Jetzt hast du es ganz gezeigt.“

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