Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 10


Nur so

WW: Einmal fragte ein Mönch eine alte Frau: „Welcher Weg führt zum Berg Taizan?“

Diop: Ist dieser Berg Taizan ein besonderer Berg?

WW: Der Berg Taizan war ein religiöser Wallfahrtsort im Norden Chinas mit einem Heiligtum, das dem Bodhisattva Manjushri geweiht war.

Diop: Der Mönch, der sich auf einer Pilgerreise befindet, erkundigt sich also einfach nur nach dem Weg?

WW: Ja, so scheint es.

Diop: Und was antwortet die Frau?

WW: Die alte Frau sagte: „Geradeaus weiter.“ Als der Mönch ein paar Schritte weitergegangen war, sagte sie: „Auch dieser gute, ehrenwerte Mönch trottet einfach so weiter.“ Später erzählte ein Mönch diesen Vorfall dem Joshu, und Joshu sagte: „Warte nur! Ich werde hingehen und die alte Frau für euch durchschauen.“ Am nächsten Tag machte er sich auf den Weg und stellte die gleiche Frage. Die alte Frau gab die gleiche Antwort. Joshu ging heim und sagte zu seinen Schülern: „Ich habe die alte Frau für euch durchschaut.“

Diop: Das verstehe ich nicht.

WW: Dieses Koan zählt laut Hakuin zu den Nanto-Koan, also zu den besonders schwierigen. Der Antwort dieser alten Frau könnte im Hinblick auf den Mönch spöttisch gemeint sein, ein Mönch, der einfach allem folgt. Die Antwort könnte aber auch als großes Lob für den Mönch aufgefasst werden, ein Mönch, der einfach, ohne weiter darüber nachzudenken, weitergeht.

Diop: Aber die Frau gab doch zweimal die gleiche Antwort. Was meint Joshu, wenn er sagt: „Ich habe die alte Frau für euch durchschaut.“ Und was hat er durchschaut?

WW: Zweimal die gleiche Frage, zweimal die gleiche Antwort. Man durchschaut die Situation erst dann, wenn man sie leibhaftig erlebt hat. Ist zweimal das gleiche wirklich das gleiche? Das ist eine wichtige Frage.

Diop: Die Antwort der Frau „er trottet auch so einfach weiter“ könnte vielleicht auch meinen: „Er sieht aus wie ein Mönch, aber er ist wie alle anderen“.

WW: Das ist richtig. Die Frage ist: Wie sieht ein Erleuchteter aus? Ich meine, das Wunderbare des Zen besteht nicht darin, abzuheben, sondern mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen. Zen ist die die Einfachheit des Gewöhnlichen und steht mit nackten Füßen auf der Erde. Man sollte bei diesem Koan ruhig davon ausgehen, dass die alte Frau Joshu ebenbürtig ist. Die Frage des Mönches könnte auch heißen: „Welches ist der Weg zu Manjushri, welches ist der Weg zur Erleuchtung?“

Diop: Aber was bedeutet dann die Antwort der Frau?

WW: „Geradeaus weiter! Gerade hier geht der Weg lang!“ könnte bedeuten: Es ist nicht nötig, auf den Berg zu steigen. Das, was du suchst, ist immer da, du kannst es überall finden. Ramana Maharshi hat einmal gesagt: „Das Selbst ist immer gegenwärtig. Jedermann möchte das Selbst erkennen. Welche Hilfe braucht man, um sich selbst zu erkennen? Die Menschen möchten das Selbst als etwas Neues sehen. Aber es ist ewig und gleich bleibend. Sie wollen es als strahlendes Licht oder so etwas sehen. Wie wäre das möglich! Es ist weder Licht noch Finsternis. Es ist nur, was es ist, und kann nicht definiert werden. Die beste Definition ist: Ich bin, der ich bin.“

Diop: Der Mönch erzälte diesen Vorfall seinem Lehrer Joshu und Joshu sagte: „Ich werde die alte Frau für euch durchschauen“. Und er machte sich auf den Weg, stellte die gleiche Frage und bekam die gleiche Antwort. Als er zurückkam, sagte zu seinem Schüler: „Ich habe die Frau für euch durchschaut“. Was hat Joshu erkannt und wann und wie hat er das gemacht?

WW: Diese Fragen müssen Sie im Dokusan-Raum beantworten. Auf Ihrem Kissen werden Sie sich vielleicht fragen: War diese Frau wirklich erleuchtet? War sie vielleicht stolz, bereits alles erreicht zu haben oder war sie einfach ein ganz alltäglicher Mensch, der nur darauf aus ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Verharrt diese alte Frau an einem Ort der Bewegungslosigkeit, während Joshu ganz frei und ungehindert geht? Im Vers zum Koan heiß es: „Gleiche Frage, gleiche Antwort. Sand im Reis, Dornen im Schlamm“. Vielleicht sind wir bei diesem Koan ins Stocken geraten und befinden uns auf einem schlammigen Weg, in dem Dornen versteckt sind. Vielleicht sind wir auch stehengeblieben und gerade dabei, uns die Dornen aus den Füßen zu ziehen.

Diop: Wie komme ich da hin, diese Frage zu lösen?

WW: Indem Sie sich auf Ihr Kissen setzen und üben. Yamada Koun meint im Kommentar Mumons ein Fehlverhalten beider zu sehen. Ich möchte den Lehrer meines Lehrers nicht kritisieren, aber diese Erkenntnis wäre ebenfalls nur wieder intellektuelles „Blablabla“, ein Konzept, das ich über das Koan gestülpt habe. Ich meine, es geht in diesem Koan einfach nur um dieses „geradeaus weiter“. Darin steckt das ganze Geheimnis im Zen. Es geht nicht um irgendein Ziel oder die Hinterfragung des Erreichens eines Zieles. Die Form geht, die Leerheit geht nicht, die Dynamik trottet einfach so dahin, ohne Ziel. Die alte Frau durchschaut die Leerheit des Mönches und Joshu durchschaut das Durchschauen der Frau.

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